Kategorie: Handwerk

Wie Reden funktionieren: Aufbau, Reim, Timing, Pointe.

  • Wer im Jahr über sät, kann im Herbst ernten

    Wer im Jahr über sät, kann im Herbst ernten

    Ein Bauer, der im Oktober über seinen leeren Acker geht und sich wundert, dass nichts darauf steht, hat im Frühjahr etwas versäumt. Das ist keine besonders tiefe Erkenntnis.

    Beim Redenschreiben machen wir es trotzdem fast alle genau so.

    Im Herbst fällt uns ein, dass bald der 11.11. ist. Wir setzen uns an den Tisch, legen ein leeres Blatt hin und warten darauf, dass uns etwas einfällt. Und es fällt uns nichts ein. Nicht, weil wir zu dumm wären. Sondern weil im März niemand gesät hat.

    Was Säen beim Redenschreiben heißt

    Es heißt nicht: das ganze Jahr über Reden schreiben. Es heißt: das ganze Jahr über sammeln.

    Und zwar nicht Witze. Witze sind schon das Fertige, die sind längst durch jemandes Kopf gegangen. Was du sammelst, sind Beobachtungen — Sätze, die jemand gesagt hat, Situationen, bei denen du gegrinst hast, Dinge, die dir aufgefallen sind, ohne dass du erklären könntest, warum.

    Dafür gelten drei Regeln, und die dritte ist die wichtigste.

    Sofort aufschreiben. Nicht heute Abend. Eine Beobachtung hält etwa eine Stunde, dann ist sie weg. Das Diktiergerät im Telefon reicht — zwei Sätze hineingesprochen auf dem Parkplatz, fertig.

    An einen einzigen Ort. Nicht mal in die Notiz-App, mal auf einen Bierdeckel, mal in die WhatsApp an dich selbst. Ich habe das jahrzehntelang falsch gemacht und darüber hier schon einmal geschrieben: Sammeln kann jeder. Wiederfinden ist die Kunst.

    Mit Datum. Das klingt nach Bürokratie, ist aber der eigentliche Trick. Eine Notiz vom 14. März liest du im Oktober wie etwas Fremdes — du hast vergessen, dass du sie geschrieben hast, und sie trifft dich noch einmal neu. Genau daran erkennst du, ob sie taugt.


    Worauf du achten musst

    „Beobachte einfach“ ist ein nutzloser Rat. Man kann nicht alles beobachten. Es gibt aber fünf Dinge, die fast immer etwas hergeben.

    1 · Der Widerspruch. Wo das, was jemand sagt, nicht zu dem passt, was er tut. Der, der über jede Versammlung schimpft und immer als Erster da ist. Die, die sagt, sie könne nicht Nein sagen — und es gerade getan hat. In diesem Spalt zwischen Reden und Tun sitzt der Humor. Fast immer.

    2 · Die Wiederholung. Was jemand immer macht. Jeder Verein hat einen, der jedes Jahr denselben Satz sagt. Jede Familie hat jemanden, der bei jedem Essen einmal aufsteht und nachschaut, ob das Auto noch da ist. Wiederholung ist der kürzeste Weg zu einer Figur — und auf der Bühne der Stoff, aus dem Running Gags werden.

    3 · Der Satz, der zu viel verrät. Manchmal sagt jemand einen Satz, der mehr preisgibt, als er wollte. „Ich bin ja nicht nachtragend, aber 1998 …“ Solche Sätze musst du nicht bearbeiten. Du musst sie nur mitschreiben, Wort für Wort. Schreib sie wirklich wörtlich auf — in deiner eigenen Formulierung sind sie am nächsten Tag kaputt.

    4 · Was alle kennen und keiner ausspricht. Der größte Lacher kommt nicht vom Überraschenden, sondern vom Wiedererkennen. Der Saal lacht, weil er denkt: Das kenne ich. Das traut sich nur sonst keiner zu sagen. Achte auf die Momente, in denen du selbst denkst „das geht doch allen so“ — das ist dein Material.

    5 · Das Detail, nicht die Szene. „Die Sitzung war lang“ ist keine Beobachtung. „Der Bürgermeister hat seinen Kugelschreiber dreimal auseinandergeschraubt“ ist eine. Das Detail trägt, die Zusammenfassung trägt nicht. Wenn du im Nachhinein nicht mehr weißt, welche Farbe der Kugelschreiber hatte, war dein Blick zu grob.


    Überhöhen heißt nicht übertreiben

    Humor ist oft nichts anderes als die Überhöhung einer Sache, um etwas freizulegen, das vorher schon da war. Du erfindest nichts. Du drehst nur am Regler.

    Nur: an diesem Regler kann man zu weit drehen. Zwei Umdrehungen, und der Saal erkennt sich selbst wieder. Zehn Umdrehungen, und es ist nur noch albern.

    Und es gibt eine Bedingung, ohne die das Ganze nicht funktioniert: Der Ausgangspunkt muss wahr sein. Du kannst nur überhöhen, was es wirklich gibt. Überhöhst du etwas Erfundenes, erkennt niemand etwas wieder, und dann ist es kein Humor, sondern Blödsinn. Der Saal muss denken können: Ja. So ist es. Nur schlimmer.

    Du überhöhst die Eigenschaft, nicht den Menschen.

    Das ist keine Höflichkeitsregel, sondern Handwerk. Die Eigenschaft kennt jeder im Saal, über die lacht jeder gern mit. Der Mensch sitzt in der dritten Reihe und geht nachher nach Hause. Wer über Geiz, Eitelkeit oder Amtsanmaßung spottet, hat den ganzen Saal auf seiner Seite. Wer über Karl-Heinz spottet, hat einen Teil des Saals gegen sich — auch die, die Karl-Heinz nicht mögen.

    Aus der Beobachtung wird eine Figur

    Eine Figur ist nicht der Nachbar mit geändertem Namen. Eine Figur ist eine Eigenschaft, die laufen gelernt hat.

    Nimm eine deiner Beobachtungen und gib ihr zwei Dinge: einen Wunsch und ein Hindernis. Der Sparsame, der eine Geburtstagsfeier ausrichten muss. Die Ordnungsliebende, die an Karneval Gäste im Haus hat. Mehr braucht es nicht — aus Wunsch und Hindernis entsteht die ganze Geschichte von allein.

    Warum das vor dem Witzeschreiben kommt und nicht danach, habe ich hier aufgeschrieben.


    Und wenn der Acker leer bleibt?

    Dann gibt es eine Abkürzung, und man muss sie ehrlich benennen, weil sie genommen wird: Man sucht sich bei YouTube eine Rede, schreibt sie mit und trägt sie vor.

    Das funktioniert. Es geht schnell. Für manchen reicht das, und ich will darüber nicht den Oberlehrer spielen.

    Aber es hat drei Haken. Der erste: Es ist nicht deins. Du stehst oben und sagst Sätze auf, zu denen du nichts zu sagen hast. Das merkt man, und zwar schneller, als einem lieb ist — ich habe darüber geschrieben, warum übernommene Reden selten funktionieren.

    Der zweite: Wenn die Rede gut genug war, dass du sie bei YouTube findest, dann hat sie vor dir auch jemand anderes gefunden. Vielleicht sitzt der im Saal.

    Der dritte wird fast immer vergessen. Eine Rede gehört demjenigen, der sie geschrieben hat — und sie öffentlich vorzutragen, steht ohne seine Erlaubnis niemandem zu. Ich bin kein Anwalt, aber das ist keine Grauzone, das ist Urheberrecht. Mehr dazu in „Wir klauen doch alle?“.

    Und wenn wirklich alle Stricke reißen, gibt es in der Werkstatt noch die Schablonen. Die nehmen dir das Gerüst ab — Aufbau, Reim, Spannungsbogen. Den Stoff nehmen sie dir nicht ab. Der muss immer noch von dir kommen. Aber mit einem Gerüst vor der Nase fällt einem erfahrungsgemäß deutlich mehr ein als vor einem leeren Blatt.


    Darüber reden wir drinnen

    Beobachten ist nichts, was man allein im Kopf besser hinbekommt. Es wird besser, wenn man hört, worauf andere achten — und wenn man die eigene Beobachtung einmal laut sagt und merkt, ob jemand grinst.

    Genau dafür ist der Mitgliederbereich da. Dort läuft gerade die Runde zu diesem Thema: Worauf achtest du, wenn dir etwas auffällt? Und was war deine letzte Beobachtung, die es bis in eine Rede geschafft hat?

    Hier im Blog steht das Handwerk. Besprochen wird es drinnen — unter Leuten, die selbst oben stehen, ohne dass halb Deutschland mitliest.

  • Gesucht: ein Versuchskaninchen für die Reim-Schablone

    Gesucht: ein Versuchskaninchen für die Reim-Schablone

    Ich habe ein neues Werkzeug gebaut. Es ist fast fertig — und ich traue mich nicht, es herauszugeben.

    Denn getestet hat es bisher genau einer: ich.

    Wie es dazu kam

    Die Bütt-Schablone kennt ihr. Sie hilft beim Aufbau einer Rede: Figur, roter Faden, Text. Für die Prosarede funktioniert sie gut.

    Dann habe ich versucht, damit eine gereimte Rede zu schreiben. Nach einer halben Stunde habe ich aufgegeben.

    Nicht weil die Schablone schlecht wäre. Sondern weil der Reim ein anderes Handwerk ist. Da zählt nicht nur der Gedanke, sondern auch der Takt, die Silben, das Reimschema und die Stelle, an der die Pointe sitzen muss. Dafür brauchte ich anderes Werkzeug.

    Also habe ich die Reim-Schablone gebaut.

    Was sie macht

    Drei Dinge, und die sind mir wichtiger als alle Einzelheiten.

    Erstens: Sie rechnet mit. Du sagst ihr, wie lang die Rede werden soll. Sie rechnet aus, wie viele Verse, Strophen und Pointen du dafür brauchst — und zeigt beim Schreiben, wo du stehst. Du siehst also jederzeit, ob du in der Zeit liegst oder ob dein Mittelteil eine Durststrecke hat.

    Zweitens: Sie prüft, was man selbst überhört. Neben jedem Vers steht, wie viele Silben er hat, wie er endet und ob der Reim trägt. Das klingt nach Schule, ist aber der Unterschied zwischen „irgendwas stimmt hier nicht“ und „ich weiß genau, was“.

    Drittens: Sie sagt dir, wo es hakt. In einer eigenen Spalte stehen die offenen Stellen. Nicht als vages Warnlicht, sondern im Klartext — etwa so:

    „Vers 18 + 19: gesucht / gehn reimt sich nicht.“
    „Vers 16 fehlt — Reimpartner zu Traum.“

    Genau die Sachen, die man nachts um halb zwölf übersieht und drei Wochen später auf der Bühne merkt.

    Dazu kommt das Übliche: das Reimlexikon mit rund 4.900 Reimgruppen ist fest eingebaut, Bühnenfigur und Ideenspeicher sind mit drin, es gibt einen Schreib-Timer und einen Countdown bis zum Auftritt. Und am Ende druckst du die Rede im Bühnen-Format aus.


    Zwölf Fassungen in zwei Tagen

    So ist sie entstanden — am 9. und 10. September, eine Fassung nach der anderen. Geplant war davon nichts. Ich habe geschrieben, gemerkt dass etwas fehlt, und es eingebaut.

    Irgendwann kippte das. Ab der achten Fassung ging es nicht mehr darum, was das Werkzeug kann, sondern ob man es versteht. Erst erklärte sich jedes Prüfzeichen per Klick, dann jedes Feld, dann jeder Knopf.

    Ein Werkzeug ist nicht fertig, wenn es funktioniert. Es ist fertig, wenn ein Fremder es ohne mich benutzen kann.

    Und dann war da dieser eine Fehler, den ich euch nicht verschweigen will:

    Die Schablone hat Doppelvokale als zwei Silben gezählt. See, Haar, Boot — und Saal. Ausgerechnet „Saal“, das Wort, das in jeder zweiten Büttenrede vorkommt, hatte bei mir plötzlich zwei Silben. Und weil daran die Reimprüfung hängt, war gleich das halbe Reimlexikon falsch. Es musste komplett neu erzeugt werden.

    Gefunden habe ich das nur, weil ich damit gearbeitet habe. Und das führt mich zu dem, worum es mir heute eigentlich geht.


    Ich suche ein Versuchskaninchen

    Ich bin der schlechteste Prüfer, den dieses Werkzeug haben kann. Ich weiß, wo die Knöpfe sind. Ich weiß, wie alles gemeint ist. Ich stolpere über nichts, weil ich jeden Stein selbst hingelegt habe.

    Wenn ich die Schablone jetzt einfach herausgebe, passiert das, was bei solchen Sachen immer passiert: Der erste Fremde setzt sich davor, versteht die Hälfte nicht, legt sie weg — und ich erfahre nie, warum.

    Deshalb suche ich ein oder zwei Leute, die vor allen anderen damit arbeiten.

    Du solltest Lust auf die gereimte Rede haben — ob du schon eine geschrieben hast oder es zum ersten Mal versuchst, ist mir gleich. Beides hilft mir, auf verschiedene Weise. Ein paar Abende Zeit über ein paar Wochen verteilt. Und die Bereitschaft, mir ehrlich zu sagen, wo es hakt. Lob nützt mir hier nichts.

    Dafür bekommst du das Werkzeug als Erster und hast Einfluss darauf, wie es am Ende aussieht. Was dich stört, ändere ich. Und wenn du beim Schreiben hängst, reden wir darüber.

    Keine Verpflichtung, kein Zeitdruck, keine Kosten. Wenn du nach drei Tagen merkst, dass es nichts für dich ist, sagst du das und wir sind quitt.

    Melde dich einfach

    Ein Kommentar unter diesem Beitrag reicht, oder du schreibst mir. In der Community geht es auch.

    Ein Satz genügt: „Ich probier’s.“


    Warum die gereimte Rede ein anderes Handwerk ist als die Prosarede, steht hier: Reim-Schablone: dein Arbeitsplatz für die gereimte Rede

  • Mancher fängt am falschen Ende an

    Mancher fängt am falschen Ende an

    Wenn jemand anfängt, eine Rede zu schreiben, passiert fast immer dasselbe: Er sammelt Witze.

    Ein guter Spruch hier, ein Kalauer da, etwas aus dem Internet, etwas vom Stammtisch. Irgendwann liegt ein Stapel da, und dann beginnt die eigentliche Qual — das Zusammenkleben. Man versucht, aus zwölf Einzelteilen etwas zu machen, das wie ein Ganzes aussieht.

    Das ist die falsche Reihenfolge. Und ich sage das ohne jede Überheblichkeit, denn ich habe es jahrelang genauso gemacht.

    Warum alle am falschen Ende anfangen

    Weil es sich gut anfühlt.

    Witze sammeln macht Spaß. Man lacht beim Suchen selbst, man hat nach einer Stunde etwas vorzuweisen, der Stapel wächst. Das fühlt sich nach Fortschritt an.

    Eine Figur zu bauen fühlt sich nach gar nichts an. Man sitzt da, denkt nach, schreibt drei Sätze auf und hat nichts in der Hand, worüber man lachen könnte. Kein Mensch belohnt sich dafür.

    Deshalb macht es fast jeder verkehrt herum. Nicht aus Dummheit, sondern weil der falsche Weg sich unterwegs besser anfühlt.

    Was dabei herauskommt

    Eine Aneinanderreihung. Zwölf Gags hintereinander, jeder für sich vielleicht ganz ordentlich.

    Und das Publikum merkt es. Nicht sofort — die ersten zwei, drei Minuten läuft es. Dann wird es unruhig, und niemand könnte sagen warum. Es fehlt nichts Hörbares. Es fehlt jemand.

    Wenn man nicht weiß, wer da redet, ist jeder Witz ein Einzelereignis. Es gibt keinen Grund, auf den nächsten zu warten.

    Die Probe, die alles erklärt

    Nimm einen harmlosen Satz:

    „Ich hab das ja immer schon gesagt.“

    Aus dem Mund eines Zwanzigjährigen: nichts. Kein Lacher, nicht mal ein Schmunzeln.

    Aus dem Mund eines Rentners, der seit vierzig Jahren alles immer schon gesagt hat: schon besser.

    Aus dem Mund des Bürgermeisters, zwei Jahre nachdem die Umgehungsstraße fertig ist und keiner sie braucht: Lacher.

    Derselbe Satz. Dreimal. Der Unterschied liegt nicht im Satz — er liegt darin, wer ihn sagt. Und genau das ist der Grund, warum die Figur vor dem Witz kommt. Die Figur entscheidet, ob etwas komisch ist.


    Wie aus einer Figur Gags werden

    Jetzt der Teil, um den es mir eigentlich geht. Denn „nimm erst die Figur“ ist leicht gesagt — die Frage ist, wie daraus Einfälle entstehen.

    Der Motor heißt Fallhöhe: der Abstand zwischen dem, was die Figur über sich glaubt, und dem, was wir im Saal sehen.

    Je größer dieser Abstand, desto mehr Gags fallen von allein heraus. Drei Beispiele:

    Der Hausmeister, der glaubt, er leite die Schule

    Er redet über „seine“ Lehrer, „seine“ Entscheidungen, „sein“ Kollegium. Jeder im Saal weiß, dass er den Schlüsselbund hat und sonst nichts. Jeder Satz, in dem er sich für wichtig hält, ist ein Treffer — und du musst dafür keinen einzigen Witz suchen. Du musst ihn nur reden lassen.

    Die Nachbarin, die nie zuhört und alles weiß

    „Ich bin ja nicht neugierig“ — und dann folgen Details, die man nur weiß, wenn man zwei Stunden am Fenster gestanden hat. Der Gag liegt im Widerspruch, nicht in einer Pointe.

    Der Gemeinderat, der etwas erklärt, das er nicht verstanden hat

    Er benutzt Fachwörter falsch, mit vollem Ernst. Das ist eine Gag-Maschine, die nie leerläuft, weil es immer neue Themen gibt, die er nicht versteht.

    In allen drei Fällen suchst du keine Witze. Du stellst der Figur eine Frage und hörst zu, was sie antwortet.

    Nicht: „Was ist ein guter Witz über die Umgehungsstraße?“ Sondern: „Was sagt mein Hausmeister über die Umgehungsstraße?“

    Die erste Frage führt in eine Suchmaschine. Die zweite führt zu einer Rede.


    Und wann kommen nun die Witze, die Pointen?

    Sofort danach — und jetzt sind sie Gold wert.

    Denn jetzt suchst du nicht mehr blind. Du weißt, wer redet, worüber er sich aufregt und was er nie zugeben würde. Damit wird aus dem Stöbern im Archiv etwas ganz anderes: Du gehst nicht mehr fragen „ist das lustig?“, sondern „passt das zu ihm?“

    Das ist eine Frage, die man beantworten kann. Die andere nicht.

    Und noch etwas: Vieles von dem, was du vorher gesammelt hast, ist jetzt plötzlich brauchbar. Es lag nur im falschen Zusammenhang herum.

    Die Reihenfolge, kurz

    1. Wer bist du da oben? Beruf, Rolle, Macke.
    2. Was willst du? Jede Figur will etwas. Ohne Wollen kein roter Faden.
    3. Was glaubst du über dich, was nicht stimmt? Das ist deine Fallhöhe — und damit deine Gag-Quelle.
    4. Was sagt diese Figur zu meinem Thema? Hier entstehen die Einfälle.
    5. Und jetzt: Archiv, Reimlexikon, Ideenspeicher — gezielt, nicht auf Verdacht.

    Was das kostet

    Ehrlich gesagt: am Anfang mehr Zeit. Die ersten zwei Abende hast du nichts, worüber du lachen kannst, und das ist unbefriedigend.

    Dafür ersparst du dir das, was den meisten die Freude nimmt — das Zusammenkleben am Ende. Wenn die Figur steht, baut sich die Rede fast von allein. Und im nächsten Jahr brauchst du die Figur nicht neu, nur ein neues Thema.

    Das ist der eigentliche Gewinn: Eine gute Figur trägt dich über Jahre. Ein guter Witz trägt dich elf Sekunden.


    Wie du eine Figur findest und was sie von einem Kostüm unterscheidet, steht hier: Wer bist du da oben?

    Und wie machst du es? Fängst du mit der Figur an oder mit dem Stoff? Schreib es in die Kommentare oder in die Community — ich bin ziemlich sicher, dass die Mehrheit ehrlicherweise mit den Witzen anfängt.

  • Reim-Schablone: dein Arbeitsplatz für die gereimte Rede

    Reim-Schablone: dein Arbeitsplatz für die gereimte Rede

    Vor ein paar Wochen habe ich aufgeschrieben, woran ich gerade arbeite. Ein Punkt stand ganz oben auf der Liste: eine Schablone für die gereimte Büttenrede.

    Die liegt jetzt auf der Werkbank. Noch nicht fertig, aber weit genug, dass ich zeigen kann, worum es geht.

    Warum die alte Schablone hier nicht reicht

    Die Bütt-Schablone, die ihr kennt, ist für die Prosarede gebaut. Figur links, Rede in der Mitte, roter Faden rechts. Das funktioniert.

    Beim Reim funktioniert es nicht mehr. Nicht weil die Schablone schlecht wäre — sondern weil der Reim ein anderes Tier ist. Er nimmt dir Arbeit ab und legt dir gleichzeitig Fesseln an.

    Was der Reim mit dem Publikum macht

    Das ist der Punkt, den die meisten unterschätzen. Sobald du zwei Zeilen gereimt hast, rechnet der Saal mit. Die Leute wissen nach vier Zeilen, wie dein Takt geht — und ab da hören sie mit, ob er stimmt.

    Das ist ein Geschenk: Du bekommst eine Aufmerksamkeit geschenkt, die der Prosaredner sich erarbeiten muss. Die Leute warten auf das Reimwort. Sie beugen sich innerlich vor.

    Und genau deshalb ist es gefährlich. Wenn du den Takt brichst, merkt es jeder. Auch die, die nicht wüssten, wie man es benennt — sie spüren nur, dass etwas gestolpert ist. Und dann zündet die Pointe nicht.

    Vier Dinge, die die Schablone lösen muss

    1. Das Reimschema festlegen, bevor du anfängst

    Der Paarreim — zwei Zeilen, die sich reimen, dann zwei neue — ist in der Bütt der Standard, und das aus gutem Grund: Er ist im Saal am leichtesten zu hören. Kreuzreime sind kunstvoller und gehen bei Saalgeräusch unter.

    Die Schablone legt das vorne fest, damit du nicht mittendrin das Muster wechselst, ohne es zu merken.

    2. Den Takt sichtbar machen

    Beim Schreiben am Tisch hört man den eigenen Takt nicht mehr — man liest ja schon zum zehnten Mal. Deshalb bekommt die Schablone eine Spalte, in der die Betonungen stehen. Wenn eine Zeile aus der Reihe tanzt, sieht man es, statt es überhören zu müssen.

    Mein eigener Prüfgriff seit über vierzig Jahren: laut lesen und dabei mit dem Fuß mitwippen. Wo der Fuß stolpert, stimmt die Zeile nicht.

    3. Die Pointe gehört auf das Reimwort

    Das ist die wichtigste Regel der gereimten Rede, und sie wird am häufigsten verletzt.

    Der Lacher sitzt am Ende der zweiten Zeile, auf dem Reimwort. Steht dort nur irgendein Wort, das sich zufällig reimt, verpufft alles davor. Steht dort das Wort, auf das die Pointe zuläuft, hast du den Saal.

    Deshalb schreibt man eine gereimte Pointe rückwärts: Erst steht das Reimwort fest, dann baust du die Zeile davor darauf zu.

    In der Schablone ist dafür eine eigene Zeile vorgesehen — das Pointenwort kommt zuerst hinein, der Rest danach.

    4. Den Reimzwang abwehren

    Die größte Gefahr überhaupt. Du suchst einen Reim auf „Rathaus“, findest „Spathaus“ nicht, nimmst „Badehaus“ — und auf einmal handelt deine Rede vom Schwimmbad, obwohl sie vom Bürgermeister handeln sollte.

    Der Reim hat dich dann am Nasenring durch die Manege geführt. Das Publikum merkt das sofort: Es klingt bemüht, es klingt nach Mühe statt nach Witz.

    Die Schablone hält deshalb das Thema die ganze Zeit sichtbar daneben. Nicht als Deko — als Kontrollinstanz. Wenn deine Zeile nicht mehr zum Thema passt, war es der falsche Reim, nicht das falsche Thema.


    Wie weit ich bin

    Der Aufbau steht, die Prüfspalten auch. Was noch fehlt, ist das, was eine Schablone erst brauchbar macht: dass sie sich beim Benutzen nicht im Weg steht. Das merkt man erst, wenn man selbst eine Rede damit schreibt — und genau das mache ich gerade.

    Einen Termin nenne ich nicht. Ich arbeite Schicht, und ich mache lieber eine Schablone fertig, die taugt, als drei, die man nach zwanzig Minuten weglegt.


    Und jetzt du

    Wenn du gereimt schreibst oder es vorhast — woran hakt es bei dir?

    • Findest du die Reime nicht, oder findest du zu viele und die falschen?
    • Kommst du in den Takt und wieder heraus?
    • Schreibst du die Pointe vorwärts oder rückwärts?
    • Und was hat dich schon mal auf der Bühne eingeholt, weil es auf dem Papier noch gut aussah?

    Schreib es in die Kommentare oder in die Community. Was ihr mir sagt, geht direkt in die Schablone ein — das ist der Sinn der Sache. Ich baue sie nicht für mich.

  • Kann eine KI nicht meine nächste Büttenrede schreiben?

    Kann eine KI nicht meine nächste Büttenrede schreiben?

    Die Frage kommt inzwischen fast bei jedem Gespräch. Und weil ich sie selbst hatte, habe ich es ausprobiert.

    Nicht heimlich, sondern als Versuch: Geht das überhaupt? Kann eine Maschine eine komplette Büttenrede schreiben?

    Was dabei herauskam

    Ich habe zwei von den bekannten Programmen genommen und ihnen alles gegeben, was ich hatte. Das Thema. Was die Figur erleben soll. Wo es lustig werden muss.

    Nach ein paar Sekunden lag der Text da. Die Geschwindigkeit hat mich ehrlich beeindruckt. Da sitze ich sonst Wochen dran.

    Dann habe ich ihn gelesen.

    Und dachte: oh Gott.

    Es ist schwer zu beschreiben, was fehlte. Es war nichts falsch. Die Reime stimmten, der Aufbau ging in Ordnung. Es war nur — nichts. Kein Gefühl. Nichts, was einen vom Stuhl haut. Nichts, wo ich als Zuschauer gesagt hätte: Das war eine Rede.

    Es war einfach langweilig.

    Die Suppe ohne Gewürz

    Wenn ich es einem erklären müsste, würde ich es so sagen: Es ist wie eine Suppe, die man kocht und dann die Gewürze vergisst. Alles drin, was reingehört. Und trotzdem schmeckt es nach nichts.

    Was fehlt, ist die Emotion. Ein Rechner arbeitet mit null und eins, ja und nein. Die Zwischentöne kennt er nicht. Das, was zwischen den Zeilen passiert — im Denken, im Sprechen, im Handeln. Das kann bis heute nur ein Mensch.

    Was die Maschine wirklich gut kann

    Und jetzt muss ich fair sein, denn ich benutze sie selbst.

    Sie ist gut im Themen finden. Im Situationen finden. Im Weiterspinnen einer Idee, die noch nicht rund ist. Man kann sie fragen: Wie würdest du das machen? Was ginge da noch? Dafür ist sie ein brauchbarer Gesprächspartner.

    Und sie ist gut in der Grammatik. Ich denke unsortiert und ich spreche unsortiert — da hilft mir jemand, der Ordnung reinbringt und Kommas an die richtige Stelle setzt.

    Aber: Meine ersten Ideen mache ich immer selbst. Immer. Da lasse ich niemanden ran.

    Wo sie nicht hinkommt

    Eine Maschine kann nicht wissen, wie ein Saal tickt. Woher auch. Das weiß nur der, der selbst da oben steht — der seine Gags kennt, die Dramaturgie im Kopf hat und mitten im Satz umschalten kann, wenn er merkt, dass es nicht zündet.

    Und das Timing. Eine Maschine kann dir anzeigen, wo eine Pause hingehört. Aber die Pause selbst ist Fingerfertigkeit. Die lernt man nur, indem man es hundertmal falsch macht.

    Alles, was in meinen Reden steht, ist erlebt oder beobachtet. Jedes Mal. Die Maschine benutze ich als Ideengeber, wenn ich feststecke — nicht als Schreiber.

    Würde das Publikum es merken?

    Ich glaube: ja.

    Und zwar nicht am Text. Sondern daran, dass die Figur fehlt. Was eine Büttenrede trägt, ist nicht in erster Linie, was da steht — es ist der Mensch, der es verkörpert. Der Text hat einen kleineren Anteil am Erfolg, als die meisten denken.

    Wer sich einen Text geben lässt, hat einen Text. Aber er hat keine Figur. Und das sieht man von der dritten Reihe aus.

    Ist das Betrug?

    Nein. So würde ich das nicht nennen.

    Aber es ist etwas anderes. Es ist wie beim Bäcker: Der eine knetet den Teig mit den Händen, der andere schiebt Tiefgekühltes in den Ofen und wärmt es auf. Beides ist Brot. Man schmeckt trotzdem, welches von beiden man vor sich hat.

    Was ich einem Neunzehnjährigen sage

    Wenn du zum ersten Mal in die Bütt willst: Lass die Finger davon. Außer beim Korrigieren.

    Nicht, weil es verboten wäre. Sondern weil du dir sonst etwas wegnimmst. Lern das Handwerk von Grund auf. Das kostet Zeit, viel Zeit, das gebe ich zu. Aber wer es einmal kann, der kann später auch mit einer Maschine arbeiten — und weiß dann genau, wo er von Hand eingreifen muss.

    Wer es nie gelernt hat, merkt nicht einmal, dass etwas fehlt.

    Und wenn wir es alle tun?

    Dann wird es langweilig. Sehr langweilig.

    Warum wir überhaupt danach greifen

    Der eigentliche Grund ist nicht die Technik. Es ist die Zeit.

    Wir sind darauf trainiert, dass alles sofort da sein muss. Das Paket am nächsten Tag vor der Tür. Die Antwort im Messenger in drei Minuten. Zwischendurch noch schnell bei Instagram und bei YouTube schauen. Wir nehmen uns nichts mehr vor, das lange dauert.

    Es gibt einen alten lateinischen Spruch:
    “Per aspera ad astra“ — durch Mühsal zu den Sternen.
    Durch die Mühe. Nicht drumherum.

    Die Maschine gaukelt uns vor, wir könnten uns die Mühe sparen. Im Augenblick stimmt das sogar. Auf lange Sicht sparen wir gar nichts — wir verlieren nur die Jahre, in denen wir es hätten lernen können.


    Wenn du selbst anfangen willst: In der HumorWerkstatt liegen die Werkzeuge, mit denen ich arbeite. Eine Schablone für den Aufbau, ein Archiv zum Nachschlagen, ein Ideenspeicher — und Leute, die dir sagen, wenn eine Stelle nach nichts schmeckt.

    Keine Schule. Eine Werkstatt.

  • Kannst du bis Samstag noch was machen?

    Kannst du bis Samstag noch was machen?

    Die Tanzgruppe hatte einen Tanz mehr im Programm. Also brauchte sie länger zum Umziehen und Umschminken. Und da kam jemand auf mich zu:

    Du, kannst du da nicht noch was machen? Fünf Minuten reichen.

    Das ist mir nicht nur einmal passiert. Und ich glaube, die Leute meinen es nicht böse. Sie stellen es sich einfach so vor: Der hat doch Reden im Schrank. Der nimmt eine raus, schaut kurz drüber, und dann geht er hoch.

    So ist es nicht

    An einer Rede sitze ich Wochen. Manchmal Monate.

    Das ist keine Angeberei, sondern eine Aufzählung: Erst braucht es eine Figur — wer bin ich da oben, warum stehe ich hier, was treibt diese Person um. Dann ein Thema, das trägt. Dann die Einfälle, die dazu passen, aus einem Vorrat, den man das ganze Jahr über sammelt. Dann ein Aufbau, der nicht in der Mitte durchhängt. Dann Übergänge, die keine Nähte sind.

    Und dann fängt das Kürzen an. Und das Umstellen. Und das laute Lesen, bei dem man merkt, dass ein Satz, der auf dem Papier gut aussah, im Mund stolpert.

    Woher die Vorstellung kommt

    Ich glaube, das liegt daran, dass niemand uns arbeiten sieht.

    Bei den Tanzgruppen kann man das. Da wird über Monate geprobt, öffentlich, jede Woche. Man sieht, wie eine Choreografie entsteht, geändert, verworfen und neu gebaut wird. Alle im Verein wissen, was das an Arbeit ist.

    Ein Büttenredner sitzt allein am Küchentisch. Was man von ihm sieht, sind die elf Minuten auf der Bühne. Der Rest ist unsichtbar.

    Und weil er unsichtbar ist, wirkt er wie nicht vorhanden.

    Ein Wort zur Ehrlichkeit

    Ich will mich nicht besser machen, als ich war. Ich habe selbst unter Druck gearbeitet — im November angefangen, dann lag das Ganze eine Weile, und vierzehn Tage vor dem ersten Auftritt packte mich die Panik. Dann saß ich stundenlang dran.

    Ich brauchte diese Deadline. Das war mein Weg, und ich empfehle ihn niemandem.

    Aber selbst so waren es Wochen. Nur eben zusammengedrängte.

    Was man daraus machen kann

    1. Sammle das ganze Jahr über. Wer im Oktober bei null anfängt, hat es schwer. Wer einen Vorrat hat, sucht nur noch aus.
    2. Fang bei der Figur an, nicht beim Witz. Aus einer klaren Bühnenfigur kommen die Einfälle fast von allein. Umgekehrt funktioniert es selten.
    3. Und wenn dich jemand fragt, ob du „mal eben“ was machen kannst: Sag ruhig, wie lange du wirklich brauchst. Nicht patzig — nur ehrlich. Die meisten wissen es einfach nicht.

    In der HumorWerkstatt liegt für diese Wochen das Werkzeug bereit: ein Ideenspeicher fürs ganze Jahr und eine Schablone, die den Aufbau sichtbar macht. Damit dauert es immer noch, aber es fühlt sich nicht mehr nach Blindflug an.

    Keine Schule. Eine Werkstatt.

  • Wer bist du da oben?

    Wer bist du da oben?

    Wenn mir jemand seinen Text zeigt, frage ich nie zuerst nach dem Text.

    Ich frage: Wer bist du da oben?

    Warum diese Frage vor allen anderen kommt

    Ich habe als Gast in vielen Vereinen gesessen und dabei etwas beobachtet, das mich lange beschäftigt hat.

    Da kam jemand auf die Bühne, hervorragend kostümiert, mit guten Requisiten, einem starken Entree — nach dreißig Sekunden hatte er den Saal. Und dann, nach ein paar Minuten, wurde das Publikum unruhig.

    Woran lag das? Die Gags waren nicht schlechter geworden. Der Text war nicht schwächer.

    Es lag daran, dass niemand mehr wusste, wer da redet.

    Eine Figur ist mehr als ein Kostüm

    Das Kostüm ist der äußere Teil, und der ist schnell besorgt. Die Figur ist das, was darunter steckt: Wer ist dieser Mensch? Warum steht er hier oben? Worüber regt er sich auf, und warum ausgerechnet darüber? Was würde er nie sagen?

    Ich habe viele Jahre lang einen Wutbürger gespielt. Der war für mich eine Schablone — ich wusste bei jedem Thema sofort, wie er darauf reagiert. Und das Publikum wusste es auch, sobald ich angesagt wurde.

    Das ist der eigentliche Nutzen einer klaren Figur: Sie beantwortet Fragen, bevor sie gestellt werden. Und sie spart dir das Erklären, das im Entree so viel Zeit frisst.

    Aus der Figur kommen die Einfälle

    Der zweite Grund ist praktischer Natur.

    Wer beim Witz anfängt, hat einen Witz. Wer bei der Figur anfängt, hat eine Quelle.

    Frag deine Figur, was sie zum Bürgermeister sagt. Zur Bahn. Zu ihrer Schwiegermutter. Zum neuen Formular vom Amt. Wenn die Figur klar ist, hast du nach einer halben Stunde zwanzig Ansätze — und drei davon taugen.

    Umgekehrt funktioniert es selten. Aus einem guten Witz wird selten eine Figur.

    Drei Fragen, mit denen du anfängst

    1. Wer ist das? Beruf, Alter, Lebenslage. Je konkreter, desto besser. „Ein Rentner“ ist zu wenig. „Ein Rentner, der seit vierzig Jahren im selben Betrieb war und den neuen Chef nicht versteht“ ist eine Figur.
    2. Was regt sie auf? Und zwar so, dass es die Leute im Saal kennen.
    3. Was ist ihr blinder Fleck? Das ist der wichtigste Punkt. Eine Figur wird komisch, wenn sie etwas nicht sieht, das alle anderen sehen.

    Und wenn die Figur ausgelutscht ist?

    Dann lässt man sie gehen. Mein Wutbürger hat viele Jahre getragen, irgendwann war er verbraucht — für mich und fürs Publikum.

    Das ist kein Scheitern. Eine Figur hat eine Lebensdauer wie ein Kostüm. Wenn du merkst, dass du dich selbst langweilst, merkt es der Saal auch.


    In der HumorWerkstatt gibt es einen eigenen Platz für die Bühnenfigur — direkt neben dem Arbeitsplatz, an dem du deine Rede baust. Damit du beim Schreiben immer siehst, wer da eigentlich redet.

    Keine Schule. Eine Werkstatt.

    Und warum du trotzdem zuerst mit der Figur anfangen solltest statt mit dem Witzesammeln — und wie aus ihr die Gags von allein herausfallen: Die meisten fangen am falschen Ende an

  • Wir klauen doch alle?

    Wir klauen doch alle?

    Ich fange mit einem Geständnis an: Ich habe auch geklaut.

    Nicht dreist und nicht oft, aber es kam vor. Ein Gag, der irgendwo gut ankam, eine Wendung, die mir gefiel. Man hört etwas, findet es gut, und ein halbes Jahr später steht es im eigenen Text und man weiß nicht mehr genau, woher es kam.

    Ich glaube, das geht fast allen so. Wir schauen uns ab, wir übernehmen, wir bauen um. Das gehört dazu, und wer etwas anderes behauptet, flunkert.

    Trotzdem merkt man es

    Als Zuschauer sitzt man im Saal und denkt: Das kenne ich doch. Das habe ich schon mal gesehen — auf YouTube, oder vorletztes Jahr bei einer anderen Sitzung.

    Man sagt es nicht laut. Man lacht auch. Aber es ist ein anderes Lachen.

    Und der Redner oben merkt es. Nicht am Applaus, sondern hinterher.

    Der Unterschied liegt nicht beim Publikum

    Hier wird es interessant: Ein guter fremder Text funktioniert im Saal oft ganz ordentlich. Die Leute lachen, der Abend läuft, keiner steht auf und ruft „geklaut“.

    Der Unterschied ist für dich.

    Nach einem Auftritt mit fremdem Material gehst du nach Hause und denkst: Lief gut. Nach einem Auftritt mit deinem eigenen gehst du nach Hause und denkst: Das war meins.

    Das ist ein völlig anderes Gefühl, und ich habe beide oft genug erlebt, um es beurteilen zu können.

    Es ist das Eigene. Das, wofür man selbst verantwortlich ist. Und man muss keine Angst haben, erwischt zu werden.

    Warum eigene Texte auf Dauer besser sind

    • Sie passen zu dir. Ein fremder Text ist für einen fremden Mund geschrieben. Man merkt es an den Stellen, wo es hakt.
    • Sie passen in deinen Saal. Was in Köln zündet, muss in Kleinkleckersdorf nicht zünden. Wer selbst schreibt, kann auf sein Publikum zielen.
    • Sie sind noch da, wenn die Quelle versiegt. Textbücher sind irgendwann durch. Der eigene Vorrat wächst.
    • Und du kannst sie verteidigen. Wenn jemand fragt, wie du auf die Idee gekommen bist, hast du eine Antwort.

    Wie man von Abschauen zu Eigenem kommt

    Der Weg ist kein Sprung, sondern eine Verschiebung. Er hat drei Stufen:

    1. Übernehmen. Da fängt fast jeder an. Ich auch.
    2. Umbauen. Du nimmst die Mechanik eines Gags, den du gut findest, und füllst sie mit deinem Stoff. Das ist kein Klauen mehr — das ist Handwerk lernen, so wie ein Tischlerlehrling erst einmal nachbaut.
    3. Selbst bauen. Irgendwann merkst du, dass dir die Mechanik bekannt ist und du sie auf alles anwenden kannst, was dir auffällt.

    Der Weg dauert. Er ist mühsam, und er steht quer zu einer Zeit, in der alles schnell gehen soll. Aber er ist der einzige, an dessen Ende etwas steht, das dir gehört.


    Für die zweite Stufe liegen in der HumorWerkstatt die Werkzeuge: eine Schablone für den Aufbau, ein Archiv zum Nachschlagen, und Leute, die einem sagen, wenn etwas nach Zweitverwertung klingt.

    Keine Schule. Eine Werkstatt.

  • Warum die meisten Büttenreden in der Mitte einschlafen

    Warum die meisten Büttenreden in der Mitte einschlafen

    Der Saal war voll, die Rede war ordentlich geschrieben, und nach zwei Minuten hat trotzdem keiner mehr gelacht. Wenn du das kennst: Du bist nicht allein. Mir ist es öfter passiert, als mir lieb ist.

    Das Loch sitzt fast immer an derselben Stelle

    Wenn eine Rede nicht trägt, liegt es selten am Anfang. Der ist meistens gut — an dem hat man am längsten gefeilt. Und es liegt selten am Schluss, denn die Pointe stand schon fest, bevor die erste Zeile geschrieben war.

    Es liegt an dem, was dazwischen passiert. Genauer gesagt: an dem, was dazwischen nicht passiert.

    Der Anfang zündet, die Leute lachen, du hast sie. Und dann kommt der Teil, in dem erklärt wird: wer du bist, worum es heute geht, warum du überhaupt hier oben stehst. Zwei Minuten Erklärung ohne einen einzigen Lacher. In diesen zwei Minuten dreht sich in der dritten Reihe jemand zu seinem Nachbarn um. Und ab da ist er weg.

    Ein Publikum, das einmal abgebogen ist, holt der beste Schluss nicht mehr zurück.

    Wie das bei mir war

    SCHABLONE — diesen Kasten später löschen. Hier gehört deine eigene Geschichte hin: ein Abend, an dem genau das passiert ist. Welcher Saal, welches Jahr, an welcher Stelle es kippte, was du danach gedacht hast. Zwei, drei Sätze reichen. Eigene Erlebnisse sind der Grund, warum Leute weiterlesen — sie stehen in keinem Buch.

    Was du dagegen tun kannst

    • Streich die Vorstellung. Wer du bist, hat der Ansager schon gesagt. Und wenn nicht, ist es dem Saal in diesem Moment herzlich egal.
    • Setz alle vierzig Sekunden etwas, worüber man lachen kann. Es muss kein Brüller sein. Ein Schmunzler hält die Leute genauso bei der Stange.
    • Lies laut und leg bei jedem Lacher einen Finger auf den Tisch. Liegt zwischen zwei Fingern mehr als eine halbe Seite, hast du ein Loch gefunden.

    Der dritte Punkt ist der unbequemste und der wirksamste. Auf dem Papier merkt man ein Loch nicht. Im Mund merkt man es sofort.


    In der HumorWerkstatt liegt dafür die Bütt-Schablone bereit: ein Bogen, auf dem du deine Rede einträgst und sofort siehst, wo die Löcher sind. Vierzehn Tage kannst du dich kostenlos umsehen.

    Keine Schule. Eine Werkstatt.