Wer bist du da oben?

Garderobe hinter der Bühne: Kostüme auf einem Ständer, ein Bügel mit Narrenkappe, davor ein Manuskript auf einem Hocker.

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Wenn mir jemand seinen Text zeigt, frage ich nie zuerst nach dem Text.

Ich frage: Wer bist du da oben?

Warum diese Frage vor allen anderen kommt

Ich habe als Gast in vielen Vereinen gesessen und dabei etwas beobachtet, das mich lange beschäftigt hat.

Da kam jemand auf die Bühne, hervorragend kostümiert, mit guten Requisiten, einem starken Entree — nach dreißig Sekunden hatte er den Saal. Und dann, nach ein paar Minuten, wurde das Publikum unruhig.

Woran lag das? Die Gags waren nicht schlechter geworden. Der Text war nicht schwächer.

Es lag daran, dass niemand mehr wusste, wer da redet.

Eine Figur ist mehr als ein Kostüm

Das Kostüm ist der äußere Teil, und der ist schnell besorgt. Die Figur ist das, was darunter steckt: Wer ist dieser Mensch? Warum steht er hier oben? Worüber regt er sich auf, und warum ausgerechnet darüber? Was würde er nie sagen?

Ich habe viele Jahre lang einen Wutbürger gespielt. Der war für mich eine Schablone — ich wusste bei jedem Thema sofort, wie er darauf reagiert. Und das Publikum wusste es auch, sobald ich angesagt wurde.

Das ist der eigentliche Nutzen einer klaren Figur: Sie beantwortet Fragen, bevor sie gestellt werden. Und sie spart dir das Erklären, das im Entree so viel Zeit frisst.

Aus der Figur kommen die Einfälle

Der zweite Grund ist praktischer Natur.

Wer beim Witz anfängt, hat einen Witz. Wer bei der Figur anfängt, hat eine Quelle.

Frag deine Figur, was sie zum Bürgermeister sagt. Zur Bahn. Zu ihrer Schwiegermutter. Zum neuen Formular vom Amt. Wenn die Figur klar ist, hast du nach einer halben Stunde zwanzig Ansätze — und drei davon taugen.

Umgekehrt funktioniert es selten. Aus einem guten Witz wird selten eine Figur.

Drei Fragen, mit denen du anfängst

  1. Wer ist das? Beruf, Alter, Lebenslage. Je konkreter, desto besser. „Ein Rentner“ ist zu wenig. „Ein Rentner, der seit vierzig Jahren im selben Betrieb war und den neuen Chef nicht versteht“ ist eine Figur.
  2. Was regt sie auf? Und zwar so, dass es die Leute im Saal kennen.
  3. Was ist ihr blinder Fleck? Das ist der wichtigste Punkt. Eine Figur wird komisch, wenn sie etwas nicht sieht, das alle anderen sehen.

Und wenn die Figur ausgelutscht ist?

Dann lässt man sie gehen. Mein Wutbürger hat viele Jahre getragen, irgendwann war er verbraucht — für mich und fürs Publikum.

Das ist kein Scheitern. Eine Figur hat eine Lebensdauer wie ein Kostüm. Wenn du merkst, dass du dich selbst langweilst, merkt es der Saal auch.


In der HumorWerkstatt gibt es einen eigenen Platz für die Bühnenfigur — direkt neben dem Arbeitsplatz, an dem du deine Rede baust. Damit du beim Schreiben immer siehst, wer da eigentlich redet.

Keine Schule. Eine Werkstatt.

Und warum du trotzdem zuerst mit der Figur anfangen solltest statt mit dem Witzesammeln — und wie aus ihr die Gags von allein herausfallen: Die meisten fangen am falschen Ende an

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