Kategorie: Aus meinem Leben

Geschichten von der Bütt, aus Nordhausen und aus dreißig Jahren.

  • Meine Rede war zu lang. Ich war beleidigt.

    Meine Rede war zu lang. Ich war beleidigt.

    Unser Sitzungspräsident sagte mir nach einem Auftritt, meine Rede sei zu lang.

    Ich war erbost. Nicht ein bisschen verstimmt — richtig sauer. An diesem Text hatte ich wochenlang gesessen. Jede Zeile hatte ihren Grund, jede Pointe ihren Platz. Und dann kommt einer und sagt, es sei zu viel.

    Beim nächsten Mal habe ich nicht auf mich geachtet, sondern auf den Saal

    Ich wollte es ihm beweisen. Also habe ich beim nächsten Auftritt genau hingeschaut — nicht auf meinen Text, sondern auf die Leute.

    Und da sah ich es. Es gab einen Punkt, an dem die Aufmerksamkeit abriss. Nicht schlagartig, eher wie Luft, die aus einem Reifen entweicht. Danach lachten sie noch, aber sie lachten anders. Höflicher.

    Er hatte recht gehabt.

    Ich habe gekürzt. Schweren Herzens, denn was da wegfiel, war mir lieb geworden. Und beim nächsten Auftritt war der Erfolg da.

    Warum der eigene Text so schwer zu kürzen ist

    Wer allein schreibt, hat den härtesten Kritiker gleich mit im Zimmer: sich selbst. Aber der arbeitet gegen einen, nicht für einen.

    Man schreibt etwas und ist begeistert. Zwei Tage später liest man es und denkt, darüber lacht kein Mensch. Und beim dritten Lesen ist man wieder überzeugt. Dieser innere Zensor sagt einem alles Mögliche — nur nicht das, was man wissen müsste: Was macht der Text mit einem Saal?

    Das kann man selbst nicht beurteilen. Man sitzt ja nicht im Publikum.

    Nette Kritik nützt niemandem

    Wenn du deinen Text jemandem zeigst, der dir nicht wehtun will, bekommst du: Ja, ganz gut. Gefällt mir.

    Damit kannst du nichts anfangen. Du weißt danach genau so viel wie vorher.

    Was du brauchst, ist jemand, der dir sagt, wo er ausgestiegen ist. An welcher Stelle er anfing, an etwas anderes zu denken. Welchen Absatz er zweimal lesen musste. Das tut weh, und genau deshalb ist es wertvoll.

    Kritik, die vor allem nett sein will, ist keine Hilfe. Sie ist Höflichkeit mit Sprechblase.

    Und dann muss man auch noch fragen

    Das ist der schwierigere Teil. Ich habe mich jahrzehntelang nicht getraut, andere um Rat zu fragen. Der Gedanke dahinter war immer derselbe:

    Dann zeigst du ja, dass du zu blöd bist, selbst einen Text zu schreiben.

    Das ist Unsinn, und ich habe Jahre gebraucht, um das zu begreifen. Wer fragt, zeigt nicht, dass er es nicht kann. Er zeigt, dass er es besser machen will.

    Drei Dinge, die helfen

    1. Frag nach der Stelle, nicht nach dem Urteil. Nicht „Wie findest du das?“, sondern „Wo bist du ausgestiegen?“ Auf die erste Frage bekommst du Höflichkeit, auf die zweite eine Antwort.
    2. Beobachte den Saal statt dich selbst. Beim Auftritt merkst du in drei Sekunden, was fünf Leseabende nicht zeigen.
    3. Wirf das Gestrichene nicht weg. Was heute zu viel ist, ist nächstes Jahr vielleicht der Anfang einer neuen Rede.

    In der HumorWerkstatt kannst du deinen Entwurf Leuten zeigen, die wissen, wovon du redest — und die dir sagen, wo sie ausgestiegen sind. Bewertet wird dort gar nichts.

    Keine Schule. Eine Werkstatt.

    Wie lang eine Büttenrede denn nun sein darf — und woran du im Saal merkst, dass du drüber bist: Wie lang darf eine Büttenrede sein?

  • Wie ich in die Bütt kam

    Wie ich in die Bütt kam

    Im Jahr 1985 löste sich unser politisch-satirisches Kabarett auf. „Die Nordhäuser Doppelkörner“ hatten wir uns genannt, und für eine Weile waren wir gut damit gefahren. Dann war es eben vorbei, so wie das mit Ensembles manchmal ist.

    Kurz darauf stand ich in einer Bütt.

    Wie ich dorthin gekommen bin, habe ich erst Jahre später erfahren: Unser künstlerischer Leiter hatte mich weitergegeben. An einen Karnevalverein. Ohne mich zu fragen. Ich hatte die Herausforderung angenommen.

    Der Wertherscher Karnevalverein im Landkreis Nordhausen bekam also einen Büttenredner geliefert, von dem im Verein niemand etwas wusste — außer dem Präsidenten, der die Sache eingefädelt hatte. Und ich bekam eine Bühne, um die ich mich nie beworben hatte.

    Ich war dreiundzwanzig und brauchte den Erfolg. Und ich bin bis heute geblieben.

    Was vorher war

    Karneval kannte ich bis dahin nur aus dem Westfernsehen. Mainz, Köln, die großen Fernsehsitzungen. Das war eine andere Welt, und von Thüringen aus war sie ungefähr so erreichbar wie der Mond.

    Mein Vater leitete das Büro für Neuererwesen im Hochbaukombinat Nordhausen, meine Mutter war stomatologische Schwester. Kein Künstlerhaushalt, aber auch keiner, in dem nicht gelacht wurde. Von meiner Mutter stammt der Satz, den ich bis heute sage:

    „Lache, wenn zum Heulen nicht reicht.“

    In der Schule war Deutsch mein Lieblingsfach. Die Grammatik allerdings nicht — wozu man die braucht, habe ich nie wirklich verstanden. Man redet, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Gelernt habe ich durch Zuhören und Nachmachen, und dabei ist es geblieben.

    Die Bühne kam zuerst über den Theaterjugendclub, mit Statistenrollen. Das politisch- satirische Jugendkabarett „Die Nordhäuser Doppelkörner“ und verschiedene Amateurtheater Projekte. Nebenrollen und auch mal die Hauptrolle in der Märchenkomödie „Der Zwerg von Marrakesch“. Später kamen Gegenwartsstücke dazu.

    Dort habe ich gelernt, was mir in der Bütt am meisten genützt hat: dass ein Text auf der Bühne etwas anderes ist als auf dem Papier. Wie man eine Figur anlegt und über mehr eine Stunde durchhält. Was Dramaturgie ist, wie man in einem Ensemble arbeitet, wie man mit der Sprache spielen kann. Wie man merkt, ob ein Saal mitgeht — und was man tut, wenn er es nicht tut.

    Und dann kam , ohne mein Zutun, der Karneval.

    Die erste Bütt

    Angst hatte ich keine. Ich hatte etwas anderes nicht: einen Text.

    Der Präsident gab mir dann einen. „Die Krone der Schöpfung“ hieß die Rede, und ihre Aussage war: Die Krone der Schöpfung ist der Mann. Ein fremder Text, für jemand anderen geschrieben.

    Ich wollte diesen Mann nicht spielen, ich wollte ihn karikieren. Also habe ich die Stimme hoch angesetzt und die Sache von innen ausgehöhlt. Am Ende jeder Strophe kam derselbe Refrain:

    Die Krone der Schöpfung ist der Mann.

    Der Saal lachte an genau den Stellen, an denen er eigentlich hätte nicken sollen.

    Es kam gut an, und das lag nicht an meinem Mut. Es lag an den Jahren davor. Bühne war mir vertraut — nur die Bütt war neu.

    Vierzig Jahre

    So lange bin ich jetzt in diesem Verein.

    Meine Reden habe ich bald selbst geschrieben, aber nicht aus eigener Kraft. Da war ein junger Schriftsteller, heute Radiomoderator beim MDR, dem habe ich alles vorgelegt. Ich schrieb, er korrigierte, strich, verbesserte — und trat mich, wenn ich nachlässig wurde. So habe ich es gelernt.

    Mein Metier wurde die politische Bütt. Zu DDR-Zeiten hieß das: alles zwischen den Zeilen. Man konnte im Grunde alles sagen, es musste nur verpackt sein, und ob es dann anstoßig war, hing vom Standpunkt des Zuhörers ab. Das Publikum war darin geübt. Die Leute wussten genau, was gemeint war, obwohl es nie jemand ausgesprochen hatte. Im Westen war Dieter Hildebrandt ein Meister dieser Form.

    Das hat mir mehr Freude gemacht als manches danach.

    Heute ist diese Art zu reden kaum noch möglich. Alles soll schnell auf den Punkt, und darum haben Reden unterhalb der Gürtellinie mitunter mehr Erfolg. Ich finde das schade.

    Früher hatte man Publikum für den Redner. Heute muss man einen Redner für sein Publikum haben.

    Das Lampenfieber ist geblieben

    Vor einem Auftritt war ich nicht ansprechbar. Ich stand öfter auf der Toilette als in der Umkleide, und die Inspizientin unseres Vereines hat mich mehr als einmal fluchend suchen müssen.

    Mit den Jahren habe ich gelernt, damit umzugehen — Atemtechnik, und mich abschotten, bevor es losgeht. Verschwunden ist es nie. Ich halte das inzwischen auch nicht mehr für einen Mangel.

    In einem Punkt bin ich allerdings unerbittlich: Niemals betrunken auf die Bühne. Wer getrunken hat, geht besser nach Hause. Das ist kein guter Rat, das ist die Bedingung.

    Warum ich das erzähle

    Weil mich damals jemand weitergegeben hat, ohne zu fragen. Weil mir einer einen fertigen Text in die Hand gedrückt hat, an dem ich mich abarbeiten konnte. Weil danach jemand da war, der meine Entwürfe gelesen und mir gesagt hat, was daran nicht taugt.

    Ich hatte Glück mit den Leuten um mich herum.

    Seit Jahren beobachte ich, dass anderen genau das fehlt. In den Vereinen fehlt der Nachwuchs im Bereich Wort. Nicht, weil niemand wollte — sondern weil die meisten sagen: „Ich traue mir das nicht zu.“ “ Ich habe kein Talent.“ „Ich weiß nicht, wie man das anfängt.„

    Beim Tanz wird viel getan. Da wird über Monate gemeinsam geprobt, öffentlich, regelmäßig. Wir Büttenredner sitzen allein in unserem stillen Kämmerchen. Und wer allein sitzt, hört irgendwann vielleicht auf.

    Dafür gibt es jetzt die HumorWerkstatt: Schablonen, Anleitungen an der man sich entlangarbeiten kann. Ein Ort zum Nachschlagen. Und Menschen, die dasselbe Hobby haben.


    Vierzehn Tage kannst du dich kostenlos umsehen.

    Keine Schule. Eine Werkstatt.

    Und falls du selbst noch nach einer ersten Bühne suchst: Wie komme ich überhaupt auf eine Bühne? — wo die Vereine zu finden sind, wen man anspricht und wann man fragt.