Kategorie: Auf der Bühne

Der Vortrag: Lampenfieber, Timing, die Pause vor der Pointe.

  • Wie komme ich überhaupt auf eine Bühne?

    Wie komme ich überhaupt auf eine Bühne?

    Du hast eine Rede. Vielleicht sogar eine gute. Und jetzt?

    An dieser Stelle bleiben die meisten hängen. Nicht am Schreiben — am Danach. Man wartet darauf, gefragt zu werden. Und es fragt keiner, weil keiner weiß, dass es dich gibt.

    Also schreibe ich einmal auf, wo die Bühnen tatsächlich stehen und wie man an sie herankommt.

    Der nächste Verein ist näher, als du denkst

    Im Bund Deutscher Karneval sind über 5.300 Vereine organisiert, zusammengefasst in rund 35 Landes- und Regionalverbänden. Allein in Thüringen sind es 335 Vereine. In meinem Landkreis Nordhausen sechzehn.

    Das Beste daran: Die Verbände veröffentlichen ihre Mitgliedsvereine. Mit Namen, Ort und oft mit Webseite. Das ist keine geheime Liste, die steht offen im Netz.

    So findest du deine

    1. Auf karnevaldeutschland.de unter „Der BDK → Landes- und Regionalverbände“ stehen alle 35 Verbände mit ihren Webseiten.
    2. Such dir den für deine Gegend heraus.
    3. Auf dessen Seite gibt es fast immer einen Punkt wie „Mitglieder“ oder „Verband nach Kreisen“.
    4. Dort stehen die Vereine deiner Umgebung.

    Beim Landesverband Thüringer Karnevalvereine zum Beispiel findet man unter „Verband → Kreise“ eine Landkarte, auf der man seinen Kreis anklickt — und bekommt die Vereine samt Ort und Webseite.

    Zehn Minuten, und du hast zwanzig Adressen in Reichweite. Die meisten davon kennst du nicht, obwohl sie eine halbe Autostunde entfernt sind.


    Wen du im Verein ansprichst

    Nicht „den Verein“. Vereine lesen keine Mails — Menschen lesen Mails.

    • Der Sitzungspräsident. Er baut das Programm, er sucht die Leute, er hat jedes Jahr dieselbe Sorge: Wer macht dieses Mal das Wort?
    • Der Literat oder Programmverantwortliche, wo es den gibt.
    • Sonst der Vorstand, mit der Bitte um Weiterleitung.

    Eine Mail an eine allgemeine Info-Adresse ist ein Zettel in einem leeren Briefkasten.

    Und jetzt der Punkt, an dem fast alle danebenliegen: der Zeitpunkt

    Die Programme für eine Session entstehen im September und Oktober. Wer im Januar anfragt, kommt zu einem gedeckten Tisch, an dem alle Stühle besetzt sind.

    Aber der wirklich gute Zeitpunkt ist ein anderer, und den kennen die wenigsten:

    Frag im Frühjahr, direkt nach der Session.

    Dann sind die Verantwortlichen erleichtert, haben die Sitzung noch frisch im Kopf — und erinnern sich genau daran, wo es gehakt hat und wer gefehlt hat. In dem Moment ist eine Anfrage keine Last, sondern eine Lösung.

    Zweitbester Zeitpunkt: September. Alles danach wird zäh.


    Wenn du noch nie oben gestanden hast

    Dann frag nicht gleich nach der großen Prunksitzung. Das ist für jemanden, der dich nicht kennt, eine zu große Bitte — er müsste elf Minuten seines Programms auf gut Glück vergeben.

    Es gibt kleinere Türen, und sie sind alle offen:

    • Der Seniorennachmittag. Die beste erste Bühne, die ich kenne. Dankbares Publikum, kurze Beiträge, kein Konkurrenzdruck — und man hört dir wirklich zu.
    • Die Kindersitzung. Schonungslos ehrlich. Wenn Kinder lachen, funktioniert es.
    • Der Frühschoppen am Sonntag. Lockerer Rahmen, kürzere Beiträge.
    • Vereinsfeiern, Jubiläen, Betriebsfeiern. Dort wird ständig jemand gesucht, der etwas sagen kann.

    Und der kürzeste Weg von allen: Tritt einem Verein bei. Dann bist du nicht mehr der Fremde, der anfragt, sondern der Eigene, den man einsetzt. So haben die meisten angefangen, ich auch.

    Was die Verbände selbst anbieten

    Die Verbände sind nicht nur Adresslisten. Sie machen Nachwuchsarbeit — und dort sitzen genau die Leute, die später buchen.

    • Rednerstammtische. Der Landesverband Thüringen hat dafür einen eigenen Arbeitskreis „gesprochenes Wort“. Andere Verbände haben Vergleichbares.
    • Lehrgänge und Schulungen der Landesverbände.
    • Nachwuchswettbewerbe. Die BDK-Jugend richtet den Bundeswettbewerb „Jugend in der Bütt“ aus — für junge Leute der schnellste Weg auf eine Bühne und vor die richtigen Augen.

    Wer dort einmal aufgetreten ist, muss danach seltener fragen. Man fragt ihn.


    Was du mitbringen solltest

    Ein kurzes Video. Das ist der wichtigste Punkt des ganzen Beitrags. Ein Sitzungspräsident bucht niemanden, den er nicht gesehen hat — er riskiert damit seinen Abend.

    Es muss nichts Professionelles sein. Handy, Stativ, Wohnzimmer, drei Minuten. Hauptsache, man sieht dich reden. Eine Beschreibung in Worten ersetzt das nicht.

    Dazu ein, zwei Sätze zu deiner Figur und zur Länge. Mehr nicht.

    Und zum Geld: Es gibt Vereine die Gastredner ein Honorar anbieten. Das ist aber selten und hängt auch vom Veranstalter ab, ob das ein regulärer Karnevalverein ist oder ein Verein der sich jedes Jahr seine Programmpunkte zusammen kauft. Bei letzteren gibt es am Anfang gibt es oft keine Gagen oder, allenfalls Fahrtkosten und ein Essen. Das ist normal und kein schlechtes Zeichen. Gagen kommen, wenn man dreimal da war und gefragt wurde, ob man wiederkommt.
    In einem regulären Karnevalverein hast du aber einen unschlagbaren Vorteil, du bist versichert gegen Unfälle auf, vor und hinter der Bühne etc. und du hast den Vorteil einer echten Community. Das ist absolut nicht zu unterschätzen!

    Der unbequeme Schluss

    Es wird dich niemand entdecken.

    Keiner sitzt im Verein und fragt sich, ob irgendwo in der Nachbarschaft jemand mit einer fertigen Rede wartet. Du musst dich melden.

    Fünf Mails sind kein großer Aufwand. Eine Antwort davon ist ein Erfolg. Und ein einziger Auftritt bringt dir mehr als zehn perfekte Reden in der Schublade.


    Und du? Wie bist du zu deinem ersten Auftritt gekommen — gefragt worden oder selbst gefragt? Schreib es in die Kommentare oder in die Community. Gerade die Geschichten vom ersten Mal helfen denen, die noch davor stehen.

    Wie es bei mir anfing, steht hier: Wie ich in die Bütt kam

  • Wie lang darf eine Büttenrede sein?

    Wie lang darf eine Büttenrede sein?

    Die Frage kommt jedes Jahr, meist im November, meist von jemandem, der zum ersten Mal in die Bütt soll: Wie lang muss das eigentlich sein?

    Die ehrliche Antwort lautet: kürzer, als du denkst.

    Elf Minuten — und warum das kein Zufall ist

    Im Karneval gilt seit jeher die Elf als närrische Zahl, und so hat sich auch für die Bütt eine Länge eingebürgert: elf Minuten. Das ist keine Vorschrift, aber ein guter Anhaltspunkt. Wer deutlich darüber liegt, sollte einen Grund dafür haben.

    Für den ersten Auftritt würde ich sogar noch tiefer gehen: fünf bis sieben Minuten reichen völlig. Eine kurze Rede, die sitzt, ist tausendmal mehr wert als eine lange, bei der man merkt, dass da jemand gestreckt hat.

    Warum Länge überhaupt ein Problem ist

    Eine Sitzung ist ein Programm. Vor dir kommt etwas, nach dir kommt etwas, und der Sitzungspräsident hat einen Ablauf im Kopf und einen Saal, der irgendwann auch noch tanzen und rechtzeitig nach Hause will. Wer überzieht, nimmt jemand anderem die Zeit — und das merken sich die Leute.

    Aber das ist noch nicht der eigentliche Grund.

    Der eigentliche Grund ist: Eine Rede wird nicht besser, wenn sie länger ist. Sie wird nur länger.

    In fast jeder zu langen Rede steckt eine gute kurze. Man muss sie nur freilegen.

    Woran du merkst, dass du zu lang bist

    Nicht an der Uhr. An den Leuten:

    • Die Lacher werden dünner. Nicht leiser — dünner. Es lachen weniger Leute, und sie hören früher auf.
    • Die Gläser werden wichtig. Wer zuhört, trinkt nicht. Wenn der Saal anfängt zu trinken, hast du ihn verloren.
    • Der Elferrat rutscht. Die sitzen vorn und müssen freundlich gucken. Wenn die anfangen, die Sitzposition zu wechseln, bist du über der Zeit.
    • Du selbst wirst schneller. Das passiert von allein, wenn man spürt, dass es zäh wird. Und schneller ist genau das Falsche.

    Der Trick beim Kürzen

    Jetzt kommt der Teil, der weh tut.

    Wenn du kürzen musst, ist der Reflex: Man streicht den schwächsten Witz. Das ist falsch — der schwächste ist meist schon raus.

    Du musst den zweitbesten streichen.

    Denn eine Rede kippt nicht an den schwachen Stellen, sondern daran, dass zu viel Gutes hintereinander kommt. Zwei starke Pointen, die um dieselbe Aufmerksamkeit kämpfen, machen sich gegenseitig kaputt. Eine davon muss gehen — und sie kommt ins Heft, fürs nächste Jahr.

    Wie du es vorher misst

    Nicht lesen. Sprechen. Laut, im Stehen, mit der Stoppuhr daneben.

    Still gelesen ist man ungefähr doppelt so schnell wie gesprochen. Wer seine Rede am Tisch durchliest und auf sechs Minuten kommt, steht auf der Bühne zwölf — und wundert sich.

    Und noch etwas, das fast alle vergessen: Rechne das Lachen mit ein. Jede Pointe, die zündet, kostet dich fünf bis fünfzehn Sekunden, in denen du nicht weiterreden kannst. Bei zwanzig Pointen sind das schnell drei Minuten, die in deiner Probe zu Hause gar nicht vorkamen.


    Die kurze Antwort

    • Erster Auftritt: fünf bis sieben Minuten
    • Übliche Bütt: um die elf Minuten
    • Länger als fünfzehn: nur, wenn du weißt, was du tust — und dann auch nur mit dem Einverständnis des Sitzungspräsidenten

    Es gibt keine Rede, die zu kurz war. Es gibt nur welche, bei denen die Leute hinterher sagen: „Schade, das hätte noch weitergehen können.“

    Das ist genau das Ziel.


    Wie ich das selbst einmal nicht beherzigt habe, steht hier: Meine Rede war zu lang. Ich war beleidigt.

    Und wie haltet ihr es? Habt ihr eine feste Länge im Kopf, oder hört ihr auf, wenn die Rede fertig ist? Schreibt es in die Kommentare oder in die Community.

  • Warum übernommene Reden selten funktionieren

    Warum übernommene Reden selten funktionieren

    Ich habe am Anfang selbst fremde Reden gehalten. Ich hatte ja keine eigenen. Und ich habe später erlebt, wie eine von meinen bei jemand anderem auseinanderfiel.

    Der Abend im Nachbarlandkreis

    Ein Karnevalspräsident hat mich gefragt, ob er eine meiner Reden weitergeben darf. An einen Verein zwei Landkreise weiter. Ich hatte damit kein Problem — nimm sie, mach was draus.

    Aber ich war neugierig. Also bin ich hingefahren und habe mich in den Saal gesetzt.

    Ich war entsetzt.

    Die Rede war auseinandergenommen. Teile herausgerissen und in eine andere Bütt eingebaut. Die Reihenfolge umgestellt. Und die Gags, von denen ich genau wusste, dass sie sitzen — die verpufften einer nach dem anderen.

    Ich will niemandem einen Vorwurf machen. Die beiden hatten mich nie damit gesehen. Sie hatten nur den Text, weil der Präsident danach gefragt hatte. Sie wussten nicht, wo die Pause hingehört, welcher Satz die Vorbereitung für welchen ist, an welcher Stelle man den Kopf hebt.

    Sie hatten die Wörter. Sie hatten nicht die Rede.

    „Na ja, ging so.“

    Ich werde öfter gefragt, ob ich eine Rede herausgebe. Für eine Silberhochzeit, für ein Jubiläum. Ich sage meistens ja.

    Und wenn ich hinterher frage, wie es gelaufen ist, kommt fast immer derselbe Satz:

    Na ja. Ging so.

    Nicht schlecht. Nicht gut. Ging so. Und ich weiß dann schon, was passiert ist.

    Der Selbstversuch, den du machen kannst

    Such dir bei YouTube eine Rede, die dir gefällt. Schreib sie ab. Lern sie. Trag sie vor — vor dem Spiegel reicht.

    Du wirst feststellen, dass etwas völlig anderes dabei herauskommt als beim Original. Bei denselben Wörtern.

    Das ist keine Frage von Können. Das ist eine Frage davon, dass es nicht dein Text ist.

    Warum es kippt

    Wenn du eine Rede schreibst, schreibst du sie für dich. Für deine Stimme, dein Tempo, deine Art zu gucken. Und für die Figur, die du auf die Bühne bringen willst.

    Ein anderer Mensch hat eine andere Tonalität. Andere Emotionen schwingen mit. Bei denselben Sätzen entsteht etwas anderes — und meistens etwas Schwächeres, weil der Text gegen den Menschen arbeitet statt mit ihm.

    Man merkt es übrigens auch selbst. Man steht da oben und spricht anders, als man sprechen würde. Mit einer fertigen Rede aus dem Stand auf die Bühne zu gehen ist schwer. Sehr schwer.

    Das Publikum merkt es sofort

    Und zwar nicht, weil die Leute den Text von woanders kennen. Sondern weil man einem ansieht, ob er sich über seine Figur Gedanken gemacht hat.

    Wer eine fremde Rede übernimmt, hat oft nur eins: einen Text. Er ist froh, dass er überhaupt einen hat, und trägt ihn vor. Die Figur, die den Text erst tragen würde, ist gar nicht erst entstanden.

    Woher die Reden kommen — und was erlaubt ist

    Es gibt fertige Texte zu kaufen. Bücher bei den großen Händlern, einzelne Reden von zehn bis zweihundert Euro. Einen festen Preis gibt es nicht.

    Meine ehrliche Meinung zu den Textbüchern: die meisten sind langweilig. Da ist kein Esprit drin, kein Funke.

    Zur Rechtslage, so weit ich sie überblicke — ich bin kein Jurist:

    • Gekaufte Rede: Du musst den Autor beim Vortrag nicht nennen. Was der Verkäufer dir sonst noch vorschreibt, steht in seinen Bedingungen — lies sie.
    • Fremde Rede ohne zu fragen: Finger weg. Das ist eine Urheberrechtsverletzung, und die kann teuer werden.
    • Rede von einem Kollegen: Frag ihn. Einfach fragen. Die meisten sagen ja.

    Und wenn du gefragt hast und ja bekommen hast: Sag ihm hinterher, wie es gelaufen ist. Das kostet dich zwei Minuten und ist einfach eine Frage der Fairness. Ich freue mich jedes Mal darüber.

    Kann man eine fremde Rede umbauen?

    Ja. Wenn die Rechte geklärt sind, kann man alles anpassen — die Orte, die Namen, die Anspielungen, die ganze Perspektive.

    Auch das Geschlecht ist kein Hindernis. Ein Mann kann einen Text vortragen, der für eine Frau geschrieben wurde. Dann ist er auf der Bühne eben eine Frau, oder er karikiert es. Aber das ist Kür. Für den Anfang würde ich es nicht empfehlen — die Wahrscheinlichkeit, dass es schiefgeht, ist zu hoch.

    Die eigentliche Frage ist eine andere: Der Umbau dauert. Manchmal ziemlich lange. Und dann steht die Frage im Raum, ob dieselbe Zeit für eine eigene Rede nicht besser angelegt gewesen wäre.

    Warum Leute trotzdem danach greifen

    Zeitnot. Und, ehrlich gesagt, manchmal auch Bequemlichkeit. Es soll schnell gehen.

    Das sind keine guten Gründe, und man merkt es am Ergebnis. Nicht nur am Applaus — vor allem daran, wie man sich hinterher selbst fühlt.

    Drei Wochen vor der Sitzung und noch nichts

    Dann sage ich erst mal: Irgendwas ist vorher schiefgelaufen. Das gehört zur Wahrheit dazu.

    Und dann sage ich: Fang trotzdem nicht mit dem Text an. Fang mit der Figur an. Wer bist du da oben? Was will der Mensch? Was regt ihn auf?

    Mit einer Schablone für den Aufbau und einem Archiv zum Nachschlagen sind drei Wochen knapp, aber machbar. Ich habe es selbst schon so gemacht.

    Eine fremde Rede in drei Wochen so umzubauen, dass sie zu dir passt — das ist ehrlich gesagt nicht schneller.


    In der HumorWerkstatt gibt es beides: die Schablone, an der du deine eigene Rede entlangbaust, und ein Reden-Archiv, in dem Mitglieder ihre Texte hinterlegen. Wer dort eine Rede herunterlädt, löst automatisch eine Nachricht an den Autor aus — damit die beiden miteinander reden können. Genau so, wie es sein sollte.

    Keine Schule. Eine Werkstatt.

  • „Ich hab kein Talent“ heißt fast immer etwas anderes

    „Ich hab kein Talent“ heißt fast immer etwas anderes

    Wenn ich Leute frage, warum sie es nicht versuchen, kommen fast immer dieselben zwei Sätze.

    Ach, ich hab kein Talent.

    Ach, ich hab keine Zeit.

    Beide stimmen nicht. Jedenfalls nicht so, wie sie gemeint sind.

    Was hinter „kein Talent“ steckt

    Ich glaube nicht, dass jemand, der das sagt, seine Begabung ernsthaft geprüft hat. Es ist eine Abkürzung — eine höfliche Art, etwas anderes nicht sagen zu müssen.

    Dahinter steckt Angst. Die Angst, dass es schiefgeht. Dass man da oben steht und nichts zurückkommt. Dass man merkt, wie der Saal anfängt, mit dem Nachbarn zu reden. Und die Angst, ausgelacht zu werden — nicht mit einem, sondern über einen.

    Das gibt nur niemand zu. „Ich hab kein Talent“ klingt nach nüchterner Selbsteinschätzung. „Ich hab Angst“ klingt nach etwas, das man zugeben müsste.

    Talent ist das Geringste an der Sache

    Nach vierzig Jahren in der Bütt sage ich: Talent ist nicht das, worauf es ankommt. Es ist Handwerk. Und Handwerk kann man sich aneignen — langsam, mit Fehlern, aber man kann es.

    Was es wirklich braucht, ist der Wille. Und die Bereitschaft, auf die Schnauze zu fallen, aufzustehen und zu fragen: Woran lag das?

    Ich habe Leute gesehen, die für begabt galten und nach zwei Sessionen weg waren. Und ich habe Leute gesehen, die sich mühsam herantasteten und nach fünf Jahren jeden Saal hatten.

    Und die Zeit?

    Die braucht man wirklich. Da will ich nichts beschönigen.

    Bei den Tanzgruppen sieht man das: Monate an Proben, Woche für Woche. Beim Wort ist es nicht weniger, es sieht nur niemand.

    Aber die Frage ist selten, ob jemand Zeit hat. Die Frage ist, wofür sie draufgeht. Eine Stunde weniger Scrollen am Abend ist eine Stunde am Text. Das ist keine Moralpredigt — ich mache es ja selbst nicht anders. Es ist nur eine ehrliche Rechnung.

    Was du morgen tun kannst

    1. Nimm dir nicht die ganze Rede vor. Nimm dir einen Absatz. Einen einzigen.
    2. Lies ihn jemandem laut vor. Nicht um Lob zu hören, sondern um zu sehen, wo derjenige guckt.
    3. Und wenn du „kein Talent“ denkst: Frag dich einmal ehrlich, ob nicht etwas anderes dahintersteckt. Die Antwort behältst du für dich. Aber sie ändert, was du als Nächstes tust.

    In der HumorWerkstatt ist noch keiner ausgelacht worden. Bewertet wird dort gar nichts — es schaut nur jemand mit drauf, der weiß, wie es sich anfühlt.

    Keine Schule. Eine Werkstatt.

  • Wenn die Rede zu gut läuft

    Wenn die Rede zu gut läuft

    Es gibt einen Moment, in dem eine Bütt kippt. Nicht, weil sie schlecht ist — sondern weil sie zu gut läuft.

    Wie es dazu kam

    Die Rede lief. Richtig gut sogar. Das Publikum ging Zeile für Zeile mit, an jeder Stelle kam, was kommen sollte, und dazwischen noch ein bisschen mehr. Wer das kennt, weiß, wie das ist: Man steht da oben und merkt, dass es trägt.

    Und dann habe ich meinem Affen Zucker gegeben.

    Ich stand neben der Bütt. Warum auch immer legte ich mein rechtes Bein auf die Kante. Ein Bein auf der Bühne, das andere oben auf der Bütt.

    Der Gag zündete. Der Saal lachte.

    Dann kam mir ein Gedanke, der mit der Rede nichts mehr zu tun hatte: Wie komme ich hier eigentlich wieder runter?

    Die Antwort war: gar nicht. Jedenfalls nicht allein. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis der Elferrat begriff, dass ich da oben nicht aus Übermut stehen blieb, sondern weil es nicht anders ging.

    Was da eigentlich passiert ist

    Der Fehler war nicht das Bein. Der Fehler war der Gedanke davor.

    Eine Rede, die läuft, macht übermütig. Man spürt den Saal, man hat das Gefühl, alles zu können — und genau in diesem Moment verlässt man den Text. Man macht etwas, das nicht geplant war.

    Das ist manchmal großartig. Die besten Momente auf der Bühne sind oft die ungeplanten.

    Aber der Text war ja der Grund, warum es lief. Er hat den Saal dahin gebracht, wo er war. Wer ihn ausgerechnet im Erfolgsmoment verlässt, sägt an dem Ast, auf dem er gerade sitzt. Oder legt eben ein Bein auf die Bütt.

    Der Unterschied zwischen Improvisation und Übermut

    Improvisieren ist erlaubt. Man muss es sogar können — ein Zwischenruf, ein Missgeschick im Saal, ein Lacher an unerwarteter Stelle: Das lässt sich nicht planen.

    Aber jede Improvisation braucht einen Rückweg. Man muss wieder in den Text hineinkommen, und man muss wissen, an welcher Stelle.

    Bei meinem Bein gab es keinen Rückweg. Ich hatte etwas getan, aus dem ich nicht mehr herauskam — körperlich und dramaturgisch.

    Drei Dinge, die helfen

    1. Schreib auf, wo du improvisiert hast. Gleich nach dem Auftritt. Was funktioniert hat, gehört beim nächsten Mal in den Text — dann ist es kein Zufall mehr, sondern Handwerk.
    2. Frag dich vorher: Wie komme ich hier wieder raus? Bei jedem Einfall, den du oben auf der Bühne hast. Das dauert eine halbe Sekunde und hat mir seitdem einiges erspart.
    3. Nimm den Erfolg als Signal zum Weitermachen, nicht zum Draufsatteln. Wenn es läuft, ist der beste Zug: genau so weiter.

    Was davon geblieben ist

    Der Gag ist bei den Leuten hängen geblieben, das muss ich zugeben. Über den Abgang wurde noch Jahre geredet.

    Und ich fahre heute nur noch Fahrrad mit Tiefeinstieg, weil ich das rechte Bein nicht hoch bekomme.

    Gib deinem Affen immer nur dosiert Zucker, wenn das Fell mal juckt.


    In der HumorWerkstatt tauschen wir solche Geschichten aus — und das, was man daraus mitnimmt. Vierzehn Tage kannst du dich kostenlos umsehen.

    Keine Schule. Eine Werkstatt.