Wir klauen doch alle?

Zwei Manuskripte nebeneinander auf einem Holztisch, links eine gedruckte Seite, rechts eine handgeschriebene mit Korrekturen und Randnotizen.

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Ich fange mit einem Geständnis an: Ich habe auch geklaut.

Nicht dreist und nicht oft, aber es kam vor. Ein Gag, der irgendwo gut ankam, eine Wendung, die mir gefiel. Man hört etwas, findet es gut, und ein halbes Jahr später steht es im eigenen Text und man weiß nicht mehr genau, woher es kam.

Ich glaube, das geht fast allen so. Wir schauen uns ab, wir übernehmen, wir bauen um. Das gehört dazu, und wer etwas anderes behauptet, flunkert.

Trotzdem merkt man es

Als Zuschauer sitzt man im Saal und denkt: Das kenne ich doch. Das habe ich schon mal gesehen — auf YouTube, oder vorletztes Jahr bei einer anderen Sitzung.

Man sagt es nicht laut. Man lacht auch. Aber es ist ein anderes Lachen.

Und der Redner oben merkt es. Nicht am Applaus, sondern hinterher.

Der Unterschied liegt nicht beim Publikum

Hier wird es interessant: Ein guter fremder Text funktioniert im Saal oft ganz ordentlich. Die Leute lachen, der Abend läuft, keiner steht auf und ruft „geklaut“.

Der Unterschied ist für dich.

Nach einem Auftritt mit fremdem Material gehst du nach Hause und denkst: Lief gut. Nach einem Auftritt mit deinem eigenen gehst du nach Hause und denkst: Das war meins.

Das ist ein völlig anderes Gefühl, und ich habe beide oft genug erlebt, um es beurteilen zu können.

Es ist das Eigene. Das, wofür man selbst verantwortlich ist. Und man muss keine Angst haben, erwischt zu werden.

Warum eigene Texte auf Dauer besser sind

  • Sie passen zu dir. Ein fremder Text ist für einen fremden Mund geschrieben. Man merkt es an den Stellen, wo es hakt.
  • Sie passen in deinen Saal. Was in Köln zündet, muss in Kleinkleckersdorf nicht zünden. Wer selbst schreibt, kann auf sein Publikum zielen.
  • Sie sind noch da, wenn die Quelle versiegt. Textbücher sind irgendwann durch. Der eigene Vorrat wächst.
  • Und du kannst sie verteidigen. Wenn jemand fragt, wie du auf die Idee gekommen bist, hast du eine Antwort.

Wie man von Abschauen zu Eigenem kommt

Der Weg ist kein Sprung, sondern eine Verschiebung. Er hat drei Stufen:

  1. Übernehmen. Da fängt fast jeder an. Ich auch.
  2. Umbauen. Du nimmst die Mechanik eines Gags, den du gut findest, und füllst sie mit deinem Stoff. Das ist kein Klauen mehr — das ist Handwerk lernen, so wie ein Tischlerlehrling erst einmal nachbaut.
  3. Selbst bauen. Irgendwann merkst du, dass dir die Mechanik bekannt ist und du sie auf alles anwenden kannst, was dir auffällt.

Der Weg dauert. Er ist mühsam, und er steht quer zu einer Zeit, in der alles schnell gehen soll. Aber er ist der einzige, an dessen Ende etwas steht, das dir gehört.


Für die zweite Stufe liegen in der HumorWerkstatt die Werkzeuge: eine Schablone für den Aufbau, ein Archiv zum Nachschlagen, und Leute, die einem sagen, wenn etwas nach Zweitverwertung klingt.

Keine Schule. Eine Werkstatt.

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