Ein Bauer, der im Oktober über seinen leeren Acker geht und sich wundert, dass nichts darauf steht, hat im Frühjahr etwas versäumt. Das ist keine besonders tiefe Erkenntnis.
Beim Redenschreiben machen wir es trotzdem fast alle genau so.
Im Herbst fällt uns ein, dass bald der 11.11. ist. Wir setzen uns an den Tisch, legen ein leeres Blatt hin und warten darauf, dass uns etwas einfällt. Und es fällt uns nichts ein. Nicht, weil wir zu dumm wären. Sondern weil im März niemand gesät hat.
Was Säen beim Redenschreiben heißt
Es heißt nicht: das ganze Jahr über Reden schreiben. Es heißt: das ganze Jahr über sammeln.
Und zwar nicht Witze. Witze sind schon das Fertige, die sind längst durch jemandes Kopf gegangen. Was du sammelst, sind Beobachtungen — Sätze, die jemand gesagt hat, Situationen, bei denen du gegrinst hast, Dinge, die dir aufgefallen sind, ohne dass du erklären könntest, warum.
Dafür gelten drei Regeln, und die dritte ist die wichtigste.
Sofort aufschreiben. Nicht heute Abend. Eine Beobachtung hält etwa eine Stunde, dann ist sie weg. Das Diktiergerät im Telefon reicht — zwei Sätze hineingesprochen auf dem Parkplatz, fertig.
An einen einzigen Ort. Nicht mal in die Notiz-App, mal auf einen Bierdeckel, mal in die WhatsApp an dich selbst. Ich habe das jahrzehntelang falsch gemacht und darüber hier schon einmal geschrieben: Sammeln kann jeder. Wiederfinden ist die Kunst.
Mit Datum. Das klingt nach Bürokratie, ist aber der eigentliche Trick. Eine Notiz vom 14. März liest du im Oktober wie etwas Fremdes — du hast vergessen, dass du sie geschrieben hast, und sie trifft dich noch einmal neu. Genau daran erkennst du, ob sie taugt.
Worauf du achten musst
„Beobachte einfach“ ist ein nutzloser Rat. Man kann nicht alles beobachten. Es gibt aber fünf Dinge, die fast immer etwas hergeben.
1 · Der Widerspruch. Wo das, was jemand sagt, nicht zu dem passt, was er tut. Der, der über jede Versammlung schimpft und immer als Erster da ist. Die, die sagt, sie könne nicht Nein sagen — und es gerade getan hat. In diesem Spalt zwischen Reden und Tun sitzt der Humor. Fast immer.
2 · Die Wiederholung. Was jemand immer macht. Jeder Verein hat einen, der jedes Jahr denselben Satz sagt. Jede Familie hat jemanden, der bei jedem Essen einmal aufsteht und nachschaut, ob das Auto noch da ist. Wiederholung ist der kürzeste Weg zu einer Figur — und auf der Bühne der Stoff, aus dem Running Gags werden.
3 · Der Satz, der zu viel verrät. Manchmal sagt jemand einen Satz, der mehr preisgibt, als er wollte. „Ich bin ja nicht nachtragend, aber 1998 …“ Solche Sätze musst du nicht bearbeiten. Du musst sie nur mitschreiben, Wort für Wort. Schreib sie wirklich wörtlich auf — in deiner eigenen Formulierung sind sie am nächsten Tag kaputt.
4 · Was alle kennen und keiner ausspricht. Der größte Lacher kommt nicht vom Überraschenden, sondern vom Wiedererkennen. Der Saal lacht, weil er denkt: Das kenne ich. Das traut sich nur sonst keiner zu sagen. Achte auf die Momente, in denen du selbst denkst „das geht doch allen so“ — das ist dein Material.
5 · Das Detail, nicht die Szene. „Die Sitzung war lang“ ist keine Beobachtung. „Der Bürgermeister hat seinen Kugelschreiber dreimal auseinandergeschraubt“ ist eine. Das Detail trägt, die Zusammenfassung trägt nicht. Wenn du im Nachhinein nicht mehr weißt, welche Farbe der Kugelschreiber hatte, war dein Blick zu grob.
Überhöhen heißt nicht übertreiben
Humor ist oft nichts anderes als die Überhöhung einer Sache, um etwas freizulegen, das vorher schon da war. Du erfindest nichts. Du drehst nur am Regler.
Nur: an diesem Regler kann man zu weit drehen. Zwei Umdrehungen, und der Saal erkennt sich selbst wieder. Zehn Umdrehungen, und es ist nur noch albern.
Und es gibt eine Bedingung, ohne die das Ganze nicht funktioniert: Der Ausgangspunkt muss wahr sein. Du kannst nur überhöhen, was es wirklich gibt. Überhöhst du etwas Erfundenes, erkennt niemand etwas wieder, und dann ist es kein Humor, sondern Blödsinn. Der Saal muss denken können: Ja. So ist es. Nur schlimmer.
Du überhöhst die Eigenschaft, nicht den Menschen.
Das ist keine Höflichkeitsregel, sondern Handwerk. Die Eigenschaft kennt jeder im Saal, über die lacht jeder gern mit. Der Mensch sitzt in der dritten Reihe und geht nachher nach Hause. Wer über Geiz, Eitelkeit oder Amtsanmaßung spottet, hat den ganzen Saal auf seiner Seite. Wer über Karl-Heinz spottet, hat einen Teil des Saals gegen sich — auch die, die Karl-Heinz nicht mögen.
Aus der Beobachtung wird eine Figur
Eine Figur ist nicht der Nachbar mit geändertem Namen. Eine Figur ist eine Eigenschaft, die laufen gelernt hat.
Nimm eine deiner Beobachtungen und gib ihr zwei Dinge: einen Wunsch und ein Hindernis. Der Sparsame, der eine Geburtstagsfeier ausrichten muss. Die Ordnungsliebende, die an Karneval Gäste im Haus hat. Mehr braucht es nicht — aus Wunsch und Hindernis entsteht die ganze Geschichte von allein.
Warum das vor dem Witzeschreiben kommt und nicht danach, habe ich hier aufgeschrieben.
Und wenn der Acker leer bleibt?
Dann gibt es eine Abkürzung, und man muss sie ehrlich benennen, weil sie genommen wird: Man sucht sich bei YouTube eine Rede, schreibt sie mit und trägt sie vor.
Das funktioniert. Es geht schnell. Für manchen reicht das, und ich will darüber nicht den Oberlehrer spielen.
Aber es hat drei Haken. Der erste: Es ist nicht deins. Du stehst oben und sagst Sätze auf, zu denen du nichts zu sagen hast. Das merkt man, und zwar schneller, als einem lieb ist — ich habe darüber geschrieben, warum übernommene Reden selten funktionieren.
Der zweite: Wenn die Rede gut genug war, dass du sie bei YouTube findest, dann hat sie vor dir auch jemand anderes gefunden. Vielleicht sitzt der im Saal.
Der dritte wird fast immer vergessen. Eine Rede gehört demjenigen, der sie geschrieben hat — und sie öffentlich vorzutragen, steht ohne seine Erlaubnis niemandem zu. Ich bin kein Anwalt, aber das ist keine Grauzone, das ist Urheberrecht. Mehr dazu in „Wir klauen doch alle?“.
Und wenn wirklich alle Stricke reißen, gibt es in der Werkstatt noch die Schablonen. Die nehmen dir das Gerüst ab — Aufbau, Reim, Spannungsbogen. Den Stoff nehmen sie dir nicht ab. Der muss immer noch von dir kommen. Aber mit einem Gerüst vor der Nase fällt einem erfahrungsgemäß deutlich mehr ein als vor einem leeren Blatt.
Darüber reden wir drinnen
Beobachten ist nichts, was man allein im Kopf besser hinbekommt. Es wird besser, wenn man hört, worauf andere achten — und wenn man die eigene Beobachtung einmal laut sagt und merkt, ob jemand grinst.
Genau dafür ist der Mitgliederbereich da. Dort läuft gerade die Runde zu diesem Thema: Worauf achtest du, wenn dir etwas auffällt? Und was war deine letzte Beobachtung, die es bis in eine Rede geschafft hat?
Hier im Blog steht das Handwerk. Besprochen wird es drinnen — unter Leuten, die selbst oben stehen, ohne dass halb Deutschland mitliest.


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