Warum übernommene Reden selten funktionieren

Ein Paar abgetragene, zu große Herrenschuhe auf einem dunklen Bühnenboden, daneben ein geheftetes Manuskript, angestrahlt von einem einzelnen Scheinwerfer.

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Ich habe am Anfang selbst fremde Reden gehalten. Ich hatte ja keine eigenen. Und ich habe später erlebt, wie eine von meinen bei jemand anderem auseinanderfiel.

Der Abend im Nachbarlandkreis

Ein Karnevalspräsident hat mich gefragt, ob er eine meiner Reden weitergeben darf. An einen Verein zwei Landkreise weiter. Ich hatte damit kein Problem — nimm sie, mach was draus.

Aber ich war neugierig. Also bin ich hingefahren und habe mich in den Saal gesetzt.

Ich war entsetzt.

Die Rede war auseinandergenommen. Teile herausgerissen und in eine andere Bütt eingebaut. Die Reihenfolge umgestellt. Und die Gags, von denen ich genau wusste, dass sie sitzen — die verpufften einer nach dem anderen.

Ich will niemandem einen Vorwurf machen. Die beiden hatten mich nie damit gesehen. Sie hatten nur den Text, weil der Präsident danach gefragt hatte. Sie wussten nicht, wo die Pause hingehört, welcher Satz die Vorbereitung für welchen ist, an welcher Stelle man den Kopf hebt.

Sie hatten die Wörter. Sie hatten nicht die Rede.

„Na ja, ging so.“

Ich werde öfter gefragt, ob ich eine Rede herausgebe. Für eine Silberhochzeit, für ein Jubiläum. Ich sage meistens ja.

Und wenn ich hinterher frage, wie es gelaufen ist, kommt fast immer derselbe Satz:

Na ja. Ging so.

Nicht schlecht. Nicht gut. Ging so. Und ich weiß dann schon, was passiert ist.

Der Selbstversuch, den du machen kannst

Such dir bei YouTube eine Rede, die dir gefällt. Schreib sie ab. Lern sie. Trag sie vor — vor dem Spiegel reicht.

Du wirst feststellen, dass etwas völlig anderes dabei herauskommt als beim Original. Bei denselben Wörtern.

Das ist keine Frage von Können. Das ist eine Frage davon, dass es nicht dein Text ist.

Warum es kippt

Wenn du eine Rede schreibst, schreibst du sie für dich. Für deine Stimme, dein Tempo, deine Art zu gucken. Und für die Figur, die du auf die Bühne bringen willst.

Ein anderer Mensch hat eine andere Tonalität. Andere Emotionen schwingen mit. Bei denselben Sätzen entsteht etwas anderes — und meistens etwas Schwächeres, weil der Text gegen den Menschen arbeitet statt mit ihm.

Man merkt es übrigens auch selbst. Man steht da oben und spricht anders, als man sprechen würde. Mit einer fertigen Rede aus dem Stand auf die Bühne zu gehen ist schwer. Sehr schwer.

Das Publikum merkt es sofort

Und zwar nicht, weil die Leute den Text von woanders kennen. Sondern weil man einem ansieht, ob er sich über seine Figur Gedanken gemacht hat.

Wer eine fremde Rede übernimmt, hat oft nur eins: einen Text. Er ist froh, dass er überhaupt einen hat, und trägt ihn vor. Die Figur, die den Text erst tragen würde, ist gar nicht erst entstanden.

Woher die Reden kommen — und was erlaubt ist

Es gibt fertige Texte zu kaufen. Bücher bei den großen Händlern, einzelne Reden von zehn bis zweihundert Euro. Einen festen Preis gibt es nicht.

Meine ehrliche Meinung zu den Textbüchern: die meisten sind langweilig. Da ist kein Esprit drin, kein Funke.

Zur Rechtslage, so weit ich sie überblicke — ich bin kein Jurist:

  • Gekaufte Rede: Du musst den Autor beim Vortrag nicht nennen. Was der Verkäufer dir sonst noch vorschreibt, steht in seinen Bedingungen — lies sie.
  • Fremde Rede ohne zu fragen: Finger weg. Das ist eine Urheberrechtsverletzung, und die kann teuer werden.
  • Rede von einem Kollegen: Frag ihn. Einfach fragen. Die meisten sagen ja.

Und wenn du gefragt hast und ja bekommen hast: Sag ihm hinterher, wie es gelaufen ist. Das kostet dich zwei Minuten und ist einfach eine Frage der Fairness. Ich freue mich jedes Mal darüber.

Kann man eine fremde Rede umbauen?

Ja. Wenn die Rechte geklärt sind, kann man alles anpassen — die Orte, die Namen, die Anspielungen, die ganze Perspektive.

Auch das Geschlecht ist kein Hindernis. Ein Mann kann einen Text vortragen, der für eine Frau geschrieben wurde. Dann ist er auf der Bühne eben eine Frau, oder er karikiert es. Aber das ist Kür. Für den Anfang würde ich es nicht empfehlen — die Wahrscheinlichkeit, dass es schiefgeht, ist zu hoch.

Die eigentliche Frage ist eine andere: Der Umbau dauert. Manchmal ziemlich lange. Und dann steht die Frage im Raum, ob dieselbe Zeit für eine eigene Rede nicht besser angelegt gewesen wäre.

Warum Leute trotzdem danach greifen

Zeitnot. Und, ehrlich gesagt, manchmal auch Bequemlichkeit. Es soll schnell gehen.

Das sind keine guten Gründe, und man merkt es am Ergebnis. Nicht nur am Applaus — vor allem daran, wie man sich hinterher selbst fühlt.

Drei Wochen vor der Sitzung und noch nichts

Dann sage ich erst mal: Irgendwas ist vorher schiefgelaufen. Das gehört zur Wahrheit dazu.

Und dann sage ich: Fang trotzdem nicht mit dem Text an. Fang mit der Figur an. Wer bist du da oben? Was will der Mensch? Was regt ihn auf?

Mit einer Schablone für den Aufbau und einem Archiv zum Nachschlagen sind drei Wochen knapp, aber machbar. Ich habe es selbst schon so gemacht.

Eine fremde Rede in drei Wochen so umzubauen, dass sie zu dir passt — das ist ehrlich gesagt nicht schneller.


In der HumorWerkstatt gibt es beides: die Schablone, an der du deine eigene Rede entlangbaust, und ein Reden-Archiv, in dem Mitglieder ihre Texte hinterlegen. Wer dort eine Rede herunterlädt, löst automatisch eine Nachricht an den Autor aus — damit die beiden miteinander reden können. Genau so, wie es sein sollte.

Keine Schule. Eine Werkstatt.

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