Meine Rede war zu lang. Ich war beleidigt.

Ein Redemanuskript mit vielen Streichungen und Korrekturen auf einem Tisch.

Unser Sitzungspräsident sagte mir nach einem Auftritt, meine Rede sei zu lang.

Ich war erbost. Nicht ein bisschen verstimmt — richtig sauer. An diesem Text hatte ich wochenlang gesessen. Jede Zeile hatte ihren Grund, jede Pointe ihren Platz. Und dann kommt einer und sagt, es sei zu viel.

Beim nächsten Mal habe ich nicht auf mich geachtet, sondern auf den Saal

Ich wollte es ihm beweisen. Also habe ich beim nächsten Auftritt genau hingeschaut — nicht auf meinen Text, sondern auf die Leute.

Und da sah ich es. Es gab einen Punkt, an dem die Aufmerksamkeit abriss. Nicht schlagartig, eher wie Luft, die aus einem Reifen entweicht. Danach lachten sie noch, aber sie lachten anders. Höflicher.

Er hatte recht gehabt.

Ich habe gekürzt. Schweren Herzens, denn was da wegfiel, war mir lieb geworden. Und beim nächsten Auftritt war der Erfolg da.

Warum der eigene Text so schwer zu kürzen ist

Wer allein schreibt, hat den härtesten Kritiker gleich mit im Zimmer: sich selbst. Aber der arbeitet gegen einen, nicht für einen.

Man schreibt etwas und ist begeistert. Zwei Tage später liest man es und denkt, darüber lacht kein Mensch. Und beim dritten Lesen ist man wieder überzeugt. Dieser innere Zensor sagt einem alles Mögliche — nur nicht das, was man wissen müsste: Was macht der Text mit einem Saal?

Das kann man selbst nicht beurteilen. Man sitzt ja nicht im Publikum.

Nette Kritik nützt niemandem

Wenn du deinen Text jemandem zeigst, der dir nicht wehtun will, bekommst du: Ja, ganz gut. Gefällt mir.

Damit kannst du nichts anfangen. Du weißt danach genau so viel wie vorher.

Was du brauchst, ist jemand, der dir sagt, wo er ausgestiegen ist. An welcher Stelle er anfing, an etwas anderes zu denken. Welchen Absatz er zweimal lesen musste. Das tut weh, und genau deshalb ist es wertvoll.

Kritik, die vor allem nett sein will, ist keine Hilfe. Sie ist Höflichkeit mit Sprechblase.

Und dann muss man auch noch fragen

Das ist der schwierigere Teil. Ich habe mich jahrzehntelang nicht getraut, andere um Rat zu fragen. Der Gedanke dahinter war immer derselbe:

Dann zeigst du ja, dass du zu blöd bist, selbst einen Text zu schreiben.

Das ist Unsinn, und ich habe Jahre gebraucht, um das zu begreifen. Wer fragt, zeigt nicht, dass er es nicht kann. Er zeigt, dass er es besser machen will.

Drei Dinge, die helfen

  1. Frag nach der Stelle, nicht nach dem Urteil. Nicht „Wie findest du das?“, sondern „Wo bist du ausgestiegen?“ Auf die erste Frage bekommst du Höflichkeit, auf die zweite eine Antwort.
  2. Beobachte den Saal statt dich selbst. Beim Auftritt merkst du in drei Sekunden, was fünf Leseabende nicht zeigen.
  3. Wirf das Gestrichene nicht weg. Was heute zu viel ist, ist nächstes Jahr vielleicht der Anfang einer neuen Rede.

In der HumorWerkstatt kannst du deinen Entwurf Leuten zeigen, die wissen, wovon du redest — und die dir sagen, wo sie ausgestiegen sind. Bewertet wird dort gar nichts.

Keine Schule. Eine Werkstatt.

Wie lang eine Büttenrede denn nun sein darf — und woran du im Saal merkst, dass du drüber bist: Wie lang darf eine Büttenrede sein?

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