Sammeln kann jeder. Wiederfinden ist die Kunst.

Links ein prall gefüllter alter Aktenordner voller loser Zettel, rechts ein ordentlicher Karteikasten aus Holz mit sortierten Registerkarten.

Meine besten Einfälle kommen mir nie am Schreibtisch. Sie kommen in der Badewanne, auf der Toilette, kurz vorm Einschlafen — immer genau dort, wo ich nichts zum Schreiben habe.

Dann sage ich mir: Das merkst du dir. Und zwei Stunden später ist es weg.

Der Ordner, über den ich heute noch den Kopf schüttle

Ich habe jahrzehntelang gesammelt. Alles kam in einen Ordner — Zeitungsschnipsel, Bierdeckel, abgerissene Zettel, Notizen auf Rückseiten von Einkaufslisten. Hunderte, wenn nicht tausende.

Unchronologisch. Unsystematisch. Einfach abgeheftet.

Wenn ich diesen Ordner heute aufschlage, frage ich mich: Welches Pferd hat mich geritten, das nicht von Anfang an zu sortieren? Da liegt gutes Material drin. Ich finde es nur nicht.

Und das ist der Punkt, um den es hier geht.

Sammeln ist einfach. Wiederfinden ist die Arbeit.

Jeder Redner sammelt. Das ist nicht das Problem. Das Problem kommt zwei Jahre später, wenn man vor der leeren Seite sitzt und denkt: Ich hatte doch mal was mit dem Amt. Wo war das nur?

Ein Vorrat, den man nicht durchsuchen kann, ist kein Vorrat. Er ist Altpapier mit gutem Gewissen.

Vier Dinge, die ein Einfall braucht

Egal ob du das mit einem Karteikasten machst, einem Heft oder am Rechner — es kommt auf diese vier Dinge an:

  1. Sofort erfasst. Nicht später, nicht wenn du zu Hause bist. Sofort. Was du nicht in dem Moment festhältst, in dem es dir einfällt, ist verloren.
  2. Ein Wort dazu. Amt. Ehe. Technik. Alter. Ein einziges Schlagwort reicht — aber ohne eines findest du den Zettel nie wieder.
  3. Woher es kam. „Gehört im Bus“, „am Küchentisch“, „Zeitung, Seite 4“. Zwei Wörter, die dir in zwei Jahren die ganze Situation zurückholen. Ohne sie steht da ein Satz, bei dem du nicht mehr weißt, was daran lustig war.
  4. Verbindungen. Das Wichtigste und das, was am meisten fehlt. Deine Beobachtung vom Online-Banking und die vom vergessenen Passwort gehören zusammen — aber nur, wenn du sie irgendwann miteinander verknüpfst. Aus zwei Einfällen wird so ein Absatz. Aus fünf eine Rede.

Der Vorrat gehört dorthin, wo geschrieben wird

Das ist der zweite Fehler, den ich lange gemacht habe: Die Sammlung lag an einem Ort, geschrieben habe ich an einem anderen.

Also: Text schreiben, aufstehen, Ordner holen, blättern, nichts finden, weiterschreiben. Nach dem dritten Mal lässt man es und schreibt eben ohne.

Ein Vorrat, den man beim Schreiben nicht in Reichweite hat, wird nicht benutzt. So einfach ist das.

Was ich daraus gemacht habe

In der HumorWerkstatt gibt es dafür den Ideenspeicher — einen Zettelkasten, der genau diese vier Dinge kann. Jeder Einfall bekommt seine Art (Idee, Gag, Beobachtung, Zitat), seine Schlagwörter, seine Quelle und sein Jahr. Und er lässt sich mit anderen verknüpfen.

Es gibt eine Ansicht, in der man sieht, was mit was zusammenhängt — ein Netz aus Punkten und Linien. Da entdeckt man Verbindungen, an die man beim Aufschreiben nicht gedacht hat.

Er läuft im Browser, also auch auf dem Handy und auf dem Tablet. Der Einfall in der Warteschlange ist damit gerettet, bevor er weg ist.

Und das Wichtigste: Er sitzt direkt im Bütt-Arbeitsplatz. Während du an deiner Rede schreibst, ist er in der linken Spalte — kein Hin- und Herklicken, kein Suchen. Du schreibst, es klemmt, du schaust nach, du schreibst weiter.


Fang trotzdem heute an zu sammeln, auch ohne all das. Ein Heft in der Jackentasche ist besser als der beste Speicher, den du nicht benutzt. Aber schreib das Schlagwort dazu. Bitte. Sonst geht es dir wie mir mit meinem Ordner.

Keine Schule. Eine Werkstatt.

Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert