Monat: September 2026

  • „Ich hab kein Talent“ heißt fast immer etwas anderes

    „Ich hab kein Talent“ heißt fast immer etwas anderes

    Wenn ich Leute frage, warum sie es nicht versuchen, kommen fast immer dieselben zwei Sätze.

    Ach, ich hab kein Talent.

    Ach, ich hab keine Zeit.

    Beide stimmen nicht. Jedenfalls nicht so, wie sie gemeint sind.

    Was hinter „kein Talent“ steckt

    Ich glaube nicht, dass jemand, der das sagt, seine Begabung ernsthaft geprüft hat. Es ist eine Abkürzung — eine höfliche Art, etwas anderes nicht sagen zu müssen.

    Dahinter steckt Angst. Die Angst, dass es schiefgeht. Dass man da oben steht und nichts zurückkommt. Dass man merkt, wie der Saal anfängt, mit dem Nachbarn zu reden. Und die Angst, ausgelacht zu werden — nicht mit einem, sondern über einen.

    Das gibt nur niemand zu. „Ich hab kein Talent“ klingt nach nüchterner Selbsteinschätzung. „Ich hab Angst“ klingt nach etwas, das man zugeben müsste.

    Talent ist das Geringste an der Sache

    Nach vierzig Jahren in der Bütt sage ich: Talent ist nicht das, worauf es ankommt. Es ist Handwerk. Und Handwerk kann man sich aneignen — langsam, mit Fehlern, aber man kann es.

    Was es wirklich braucht, ist der Wille. Und die Bereitschaft, auf die Schnauze zu fallen, aufzustehen und zu fragen: Woran lag das?

    Ich habe Leute gesehen, die für begabt galten und nach zwei Sessionen weg waren. Und ich habe Leute gesehen, die sich mühsam herantasteten und nach fünf Jahren jeden Saal hatten.

    Und die Zeit?

    Die braucht man wirklich. Da will ich nichts beschönigen.

    Bei den Tanzgruppen sieht man das: Monate an Proben, Woche für Woche. Beim Wort ist es nicht weniger, es sieht nur niemand.

    Aber die Frage ist selten, ob jemand Zeit hat. Die Frage ist, wofür sie draufgeht. Eine Stunde weniger Scrollen am Abend ist eine Stunde am Text. Das ist keine Moralpredigt — ich mache es ja selbst nicht anders. Es ist nur eine ehrliche Rechnung.

    Was du morgen tun kannst

    1. Nimm dir nicht die ganze Rede vor. Nimm dir einen Absatz. Einen einzigen.
    2. Lies ihn jemandem laut vor. Nicht um Lob zu hören, sondern um zu sehen, wo derjenige guckt.
    3. Und wenn du „kein Talent“ denkst: Frag dich einmal ehrlich, ob nicht etwas anderes dahintersteckt. Die Antwort behältst du für dich. Aber sie ändert, was du als Nächstes tust.

    In der HumorWerkstatt ist noch keiner ausgelacht worden. Bewertet wird dort gar nichts — es schaut nur jemand mit drauf, der weiß, wie es sich anfühlt.

    Keine Schule. Eine Werkstatt.

  • Wir klauen doch alle?

    Wir klauen doch alle?

    Ich fange mit einem Geständnis an: Ich habe auch geklaut.

    Nicht dreist und nicht oft, aber es kam vor. Ein Gag, der irgendwo gut ankam, eine Wendung, die mir gefiel. Man hört etwas, findet es gut, und ein halbes Jahr später steht es im eigenen Text und man weiß nicht mehr genau, woher es kam.

    Ich glaube, das geht fast allen so. Wir schauen uns ab, wir übernehmen, wir bauen um. Das gehört dazu, und wer etwas anderes behauptet, flunkert.

    Trotzdem merkt man es

    Als Zuschauer sitzt man im Saal und denkt: Das kenne ich doch. Das habe ich schon mal gesehen — auf YouTube, oder vorletztes Jahr bei einer anderen Sitzung.

    Man sagt es nicht laut. Man lacht auch. Aber es ist ein anderes Lachen.

    Und der Redner oben merkt es. Nicht am Applaus, sondern hinterher.

    Der Unterschied liegt nicht beim Publikum

    Hier wird es interessant: Ein guter fremder Text funktioniert im Saal oft ganz ordentlich. Die Leute lachen, der Abend läuft, keiner steht auf und ruft „geklaut“.

    Der Unterschied ist für dich.

    Nach einem Auftritt mit fremdem Material gehst du nach Hause und denkst: Lief gut. Nach einem Auftritt mit deinem eigenen gehst du nach Hause und denkst: Das war meins.

    Das ist ein völlig anderes Gefühl, und ich habe beide oft genug erlebt, um es beurteilen zu können.

    Es ist das Eigene. Das, wofür man selbst verantwortlich ist. Und man muss keine Angst haben, erwischt zu werden.

    Warum eigene Texte auf Dauer besser sind

    • Sie passen zu dir. Ein fremder Text ist für einen fremden Mund geschrieben. Man merkt es an den Stellen, wo es hakt.
    • Sie passen in deinen Saal. Was in Köln zündet, muss in Kleinkleckersdorf nicht zünden. Wer selbst schreibt, kann auf sein Publikum zielen.
    • Sie sind noch da, wenn die Quelle versiegt. Textbücher sind irgendwann durch. Der eigene Vorrat wächst.
    • Und du kannst sie verteidigen. Wenn jemand fragt, wie du auf die Idee gekommen bist, hast du eine Antwort.

    Wie man von Abschauen zu Eigenem kommt

    Der Weg ist kein Sprung, sondern eine Verschiebung. Er hat drei Stufen:

    1. Übernehmen. Da fängt fast jeder an. Ich auch.
    2. Umbauen. Du nimmst die Mechanik eines Gags, den du gut findest, und füllst sie mit deinem Stoff. Das ist kein Klauen mehr — das ist Handwerk lernen, so wie ein Tischlerlehrling erst einmal nachbaut.
    3. Selbst bauen. Irgendwann merkst du, dass dir die Mechanik bekannt ist und du sie auf alles anwenden kannst, was dir auffällt.

    Der Weg dauert. Er ist mühsam, und er steht quer zu einer Zeit, in der alles schnell gehen soll. Aber er ist der einzige, an dessen Ende etwas steht, das dir gehört.


    Für die zweite Stufe liegen in der HumorWerkstatt die Werkzeuge: eine Schablone für den Aufbau, ein Archiv zum Nachschlagen, und Leute, die einem sagen, wenn etwas nach Zweitverwertung klingt.

    Keine Schule. Eine Werkstatt.

  • Meine Rede war zu lang. Ich war beleidigt.

    Meine Rede war zu lang. Ich war beleidigt.

    Unser Sitzungspräsident sagte mir nach einem Auftritt, meine Rede sei zu lang.

    Ich war erbost. Nicht ein bisschen verstimmt — richtig sauer. An diesem Text hatte ich wochenlang gesessen. Jede Zeile hatte ihren Grund, jede Pointe ihren Platz. Und dann kommt einer und sagt, es sei zu viel.

    Beim nächsten Mal habe ich nicht auf mich geachtet, sondern auf den Saal

    Ich wollte es ihm beweisen. Also habe ich beim nächsten Auftritt genau hingeschaut — nicht auf meinen Text, sondern auf die Leute.

    Und da sah ich es. Es gab einen Punkt, an dem die Aufmerksamkeit abriss. Nicht schlagartig, eher wie Luft, die aus einem Reifen entweicht. Danach lachten sie noch, aber sie lachten anders. Höflicher.

    Er hatte recht gehabt.

    Ich habe gekürzt. Schweren Herzens, denn was da wegfiel, war mir lieb geworden. Und beim nächsten Auftritt war der Erfolg da.

    Warum der eigene Text so schwer zu kürzen ist

    Wer allein schreibt, hat den härtesten Kritiker gleich mit im Zimmer: sich selbst. Aber der arbeitet gegen einen, nicht für einen.

    Man schreibt etwas und ist begeistert. Zwei Tage später liest man es und denkt, darüber lacht kein Mensch. Und beim dritten Lesen ist man wieder überzeugt. Dieser innere Zensor sagt einem alles Mögliche — nur nicht das, was man wissen müsste: Was macht der Text mit einem Saal?

    Das kann man selbst nicht beurteilen. Man sitzt ja nicht im Publikum.

    Nette Kritik nützt niemandem

    Wenn du deinen Text jemandem zeigst, der dir nicht wehtun will, bekommst du: Ja, ganz gut. Gefällt mir.

    Damit kannst du nichts anfangen. Du weißt danach genau so viel wie vorher.

    Was du brauchst, ist jemand, der dir sagt, wo er ausgestiegen ist. An welcher Stelle er anfing, an etwas anderes zu denken. Welchen Absatz er zweimal lesen musste. Das tut weh, und genau deshalb ist es wertvoll.

    Kritik, die vor allem nett sein will, ist keine Hilfe. Sie ist Höflichkeit mit Sprechblase.

    Und dann muss man auch noch fragen

    Das ist der schwierigere Teil. Ich habe mich jahrzehntelang nicht getraut, andere um Rat zu fragen. Der Gedanke dahinter war immer derselbe:

    Dann zeigst du ja, dass du zu blöd bist, selbst einen Text zu schreiben.

    Das ist Unsinn, und ich habe Jahre gebraucht, um das zu begreifen. Wer fragt, zeigt nicht, dass er es nicht kann. Er zeigt, dass er es besser machen will.

    Drei Dinge, die helfen

    1. Frag nach der Stelle, nicht nach dem Urteil. Nicht „Wie findest du das?“, sondern „Wo bist du ausgestiegen?“ Auf die erste Frage bekommst du Höflichkeit, auf die zweite eine Antwort.
    2. Beobachte den Saal statt dich selbst. Beim Auftritt merkst du in drei Sekunden, was fünf Leseabende nicht zeigen.
    3. Wirf das Gestrichene nicht weg. Was heute zu viel ist, ist nächstes Jahr vielleicht der Anfang einer neuen Rede.

    In der HumorWerkstatt kannst du deinen Entwurf Leuten zeigen, die wissen, wovon du redest — und die dir sagen, wo sie ausgestiegen sind. Bewertet wird dort gar nichts.

    Keine Schule. Eine Werkstatt.

    Wie lang eine Büttenrede denn nun sein darf — und woran du im Saal merkst, dass du drüber bist: Wie lang darf eine Büttenrede sein?

  • Sammeln kann jeder. Wiederfinden ist die Kunst.

    Sammeln kann jeder. Wiederfinden ist die Kunst.

    Meine besten Einfälle kommen mir nie am Schreibtisch. Sie kommen in der Badewanne, auf der Toilette, kurz vorm Einschlafen — immer genau dort, wo ich nichts zum Schreiben habe.

    Dann sage ich mir: Das merkst du dir. Und zwei Stunden später ist es weg.

    Der Ordner, über den ich heute noch den Kopf schüttle

    Ich habe jahrzehntelang gesammelt. Alles kam in einen Ordner — Zeitungsschnipsel, Bierdeckel, abgerissene Zettel, Notizen auf Rückseiten von Einkaufslisten. Hunderte, wenn nicht tausende.

    Unchronologisch. Unsystematisch. Einfach abgeheftet.

    Wenn ich diesen Ordner heute aufschlage, frage ich mich: Welches Pferd hat mich geritten, das nicht von Anfang an zu sortieren? Da liegt gutes Material drin. Ich finde es nur nicht.

    Und das ist der Punkt, um den es hier geht.

    Sammeln ist einfach. Wiederfinden ist die Arbeit.

    Jeder Redner sammelt. Das ist nicht das Problem. Das Problem kommt zwei Jahre später, wenn man vor der leeren Seite sitzt und denkt: Ich hatte doch mal was mit dem Amt. Wo war das nur?

    Ein Vorrat, den man nicht durchsuchen kann, ist kein Vorrat. Er ist Altpapier mit gutem Gewissen.

    Vier Dinge, die ein Einfall braucht

    Egal ob du das mit einem Karteikasten machst, einem Heft oder am Rechner — es kommt auf diese vier Dinge an:

    1. Sofort erfasst. Nicht später, nicht wenn du zu Hause bist. Sofort. Was du nicht in dem Moment festhältst, in dem es dir einfällt, ist verloren.
    2. Ein Wort dazu. Amt. Ehe. Technik. Alter. Ein einziges Schlagwort reicht — aber ohne eines findest du den Zettel nie wieder.
    3. Woher es kam. „Gehört im Bus“, „am Küchentisch“, „Zeitung, Seite 4“. Zwei Wörter, die dir in zwei Jahren die ganze Situation zurückholen. Ohne sie steht da ein Satz, bei dem du nicht mehr weißt, was daran lustig war.
    4. Verbindungen. Das Wichtigste und das, was am meisten fehlt. Deine Beobachtung vom Online-Banking und die vom vergessenen Passwort gehören zusammen — aber nur, wenn du sie irgendwann miteinander verknüpfst. Aus zwei Einfällen wird so ein Absatz. Aus fünf eine Rede.

    Der Vorrat gehört dorthin, wo geschrieben wird

    Das ist der zweite Fehler, den ich lange gemacht habe: Die Sammlung lag an einem Ort, geschrieben habe ich an einem anderen.

    Also: Text schreiben, aufstehen, Ordner holen, blättern, nichts finden, weiterschreiben. Nach dem dritten Mal lässt man es und schreibt eben ohne.

    Ein Vorrat, den man beim Schreiben nicht in Reichweite hat, wird nicht benutzt. So einfach ist das.

    Was ich daraus gemacht habe

    In der HumorWerkstatt gibt es dafür den Ideenspeicher — einen Zettelkasten, der genau diese vier Dinge kann. Jeder Einfall bekommt seine Art (Idee, Gag, Beobachtung, Zitat), seine Schlagwörter, seine Quelle und sein Jahr. Und er lässt sich mit anderen verknüpfen.

    Es gibt eine Ansicht, in der man sieht, was mit was zusammenhängt — ein Netz aus Punkten und Linien. Da entdeckt man Verbindungen, an die man beim Aufschreiben nicht gedacht hat.

    Er läuft im Browser, also auch auf dem Handy und auf dem Tablet. Der Einfall in der Warteschlange ist damit gerettet, bevor er weg ist.

    Und das Wichtigste: Er sitzt direkt im Bütt-Arbeitsplatz. Während du an deiner Rede schreibst, ist er in der linken Spalte — kein Hin- und Herklicken, kein Suchen. Du schreibst, es klemmt, du schaust nach, du schreibst weiter.


    Fang trotzdem heute an zu sammeln, auch ohne all das. Ein Heft in der Jackentasche ist besser als der beste Speicher, den du nicht benutzt. Aber schreib das Schlagwort dazu. Bitte. Sonst geht es dir wie mir mit meinem Ordner.

    Keine Schule. Eine Werkstatt.

  • Ein Wort, zwei Bedeutungen

    Ein Wort, zwei Bedeutungen

    Mein Bekannter arbeitet bei der Bank. Mal sitzt er drauf, mal sitzt er drin.

    Das ist kein besonders raffinierter Witz. Aber er funktioniert — und zwar zuverlässig. Weil er eine der ältesten Mechaniken benutzt, die es gibt: Ein Wort, zwei Bedeutungen.

    Warum das so gut funktioniert

    Beim Zuhören entscheidet sich das Gehirn nach den ersten Worten für eine Bedeutung. „Er arbeitet bei der Bank“ — und im Kopf des Zuhörers steht schon ein Schalterraum, ein Anzug, ein Geldautomat.

    Der Lacher entsteht in dem Moment, in dem diese Entscheidung sich als falsch herausstellt. Nicht das Wortspiel ist komisch, sondern der Ruck, mit dem das Bild im Kopf umspringt.

    In der Witztechnik nennt man das Reframing — man setzt einen neuen Rahmen um dieselbe Sache. Das Wort bleibt gleich, die Welt drumherum ändert sich.

    Und noch etwas macht das Bank-Beispiel aus: Die Betonung. Wer „bei der Bank“ sagt statt „bei der Bank“, legt die Fährte schon aus. Das steht in keinem Text — das entsteht erst im Mund.

    Fünf Fundorte für Sprachfundstücke

    Wer einmal anfängt, darauf zu achten, findet überall etwas. Es lohnt sich, in diesen fünf Richtungen zu horchen:

    • Doppeldeutigkeiten. Wörter mit zwei Bedeutungen. „Er hat sein Konto überzogen — und seine Jacke gleich mit.“
    • Redewendungen, die man wörtlich nimmt. Fast jede wird komisch, sobald man sie ernst meint.
    • Zweideutiges, das durch Andeutung wirkt. Der Unterschied zwischen anzüglich und plump liegt darin, wie viel man ausspricht. Was der Zuhörer selbst denkt, ist immer lustiger als das, was man ihm sagt.
    • Versprecher und Buchstabendreher. Die ungewollten sind oft besser als die geplanten. Aufschreiben.
    • Wörter, die einfach komisch klingen. Manche Wörter sind es einfach. Man kann nicht erklären, warum — man merkt es nur.

    Das Ohr schärft sich

    Das Beste daran: Man muss dafür nichts erfinden. Die deutsche Sprache steckt voller schiefer Bilder, Sätze, die je nach Betonung das Gegenteil sagen, und Wörter, die zwei Dinge auf einmal meinen. Sie liegt einfach da.

    Man muss nur hinhören. Am Tresen, an der Kasse, im Wartezimmer. Und man muss es aufschreiben — sofort, nicht später. Was man nicht notiert, ist nach zwei Stunden weg.

    Nach ein paar Wochen hat man einen Vorrat. Und der Vorrat ist es, der einen durch die Session bringt — nicht der geniale Einfall am Schreibtisch.


    In der HumorWerkstatt sammeln wir solche Fundstücke gemeinsam — jeder wirft rein, was ihm aufgefallen ist, und dann wird daran gefeilt. Es gibt einen Ideenspeicher fürs Handy, damit unterwegs nichts verlorengeht. Vierzehn Tage kannst du dich kostenlos umsehen.

    Keine Schule. Eine Werkstatt.

  • Wenn die Rede zu gut läuft

    Wenn die Rede zu gut läuft

    Es gibt einen Moment, in dem eine Bütt kippt. Nicht, weil sie schlecht ist — sondern weil sie zu gut läuft.

    Wie es dazu kam

    Die Rede lief. Richtig gut sogar. Das Publikum ging Zeile für Zeile mit, an jeder Stelle kam, was kommen sollte, und dazwischen noch ein bisschen mehr. Wer das kennt, weiß, wie das ist: Man steht da oben und merkt, dass es trägt.

    Und dann habe ich meinem Affen Zucker gegeben.

    Ich stand neben der Bütt. Warum auch immer legte ich mein rechtes Bein auf die Kante. Ein Bein auf der Bühne, das andere oben auf der Bütt.

    Der Gag zündete. Der Saal lachte.

    Dann kam mir ein Gedanke, der mit der Rede nichts mehr zu tun hatte: Wie komme ich hier eigentlich wieder runter?

    Die Antwort war: gar nicht. Jedenfalls nicht allein. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis der Elferrat begriff, dass ich da oben nicht aus Übermut stehen blieb, sondern weil es nicht anders ging.

    Was da eigentlich passiert ist

    Der Fehler war nicht das Bein. Der Fehler war der Gedanke davor.

    Eine Rede, die läuft, macht übermütig. Man spürt den Saal, man hat das Gefühl, alles zu können — und genau in diesem Moment verlässt man den Text. Man macht etwas, das nicht geplant war.

    Das ist manchmal großartig. Die besten Momente auf der Bühne sind oft die ungeplanten.

    Aber der Text war ja der Grund, warum es lief. Er hat den Saal dahin gebracht, wo er war. Wer ihn ausgerechnet im Erfolgsmoment verlässt, sägt an dem Ast, auf dem er gerade sitzt. Oder legt eben ein Bein auf die Bütt.

    Der Unterschied zwischen Improvisation und Übermut

    Improvisieren ist erlaubt. Man muss es sogar können — ein Zwischenruf, ein Missgeschick im Saal, ein Lacher an unerwarteter Stelle: Das lässt sich nicht planen.

    Aber jede Improvisation braucht einen Rückweg. Man muss wieder in den Text hineinkommen, und man muss wissen, an welcher Stelle.

    Bei meinem Bein gab es keinen Rückweg. Ich hatte etwas getan, aus dem ich nicht mehr herauskam — körperlich und dramaturgisch.

    Drei Dinge, die helfen

    1. Schreib auf, wo du improvisiert hast. Gleich nach dem Auftritt. Was funktioniert hat, gehört beim nächsten Mal in den Text — dann ist es kein Zufall mehr, sondern Handwerk.
    2. Frag dich vorher: Wie komme ich hier wieder raus? Bei jedem Einfall, den du oben auf der Bühne hast. Das dauert eine halbe Sekunde und hat mir seitdem einiges erspart.
    3. Nimm den Erfolg als Signal zum Weitermachen, nicht zum Draufsatteln. Wenn es läuft, ist der beste Zug: genau so weiter.

    Was davon geblieben ist

    Der Gag ist bei den Leuten hängen geblieben, das muss ich zugeben. Über den Abgang wurde noch Jahre geredet.

    Und ich fahre heute nur noch Fahrrad mit Tiefeinstieg, weil ich das rechte Bein nicht hoch bekomme.

    Gib deinem Affen immer nur dosiert Zucker, wenn das Fell mal juckt.


    In der HumorWerkstatt tauschen wir solche Geschichten aus — und das, was man daraus mitnimmt. Vierzehn Tage kannst du dich kostenlos umsehen.

    Keine Schule. Eine Werkstatt.

  • Wie ich in die Bütt kam

    Wie ich in die Bütt kam

    Im Jahr 1985 löste sich unser politisch-satirisches Kabarett auf. „Die Nordhäuser Doppelkörner“ hatten wir uns genannt, und für eine Weile waren wir gut damit gefahren. Dann war es eben vorbei, so wie das mit Ensembles manchmal ist.

    Kurz darauf stand ich in einer Bütt.

    Wie ich dorthin gekommen bin, habe ich erst Jahre später erfahren: Unser künstlerischer Leiter hatte mich weitergegeben. An einen Karnevalverein. Ohne mich zu fragen. Ich hatte die Herausforderung angenommen.

    Der Wertherscher Karnevalverein im Landkreis Nordhausen bekam also einen Büttenredner geliefert, von dem im Verein niemand etwas wusste — außer dem Präsidenten, der die Sache eingefädelt hatte. Und ich bekam eine Bühne, um die ich mich nie beworben hatte.

    Ich war dreiundzwanzig und brauchte den Erfolg. Und ich bin bis heute geblieben.

    Was vorher war

    Karneval kannte ich bis dahin nur aus dem Westfernsehen. Mainz, Köln, die großen Fernsehsitzungen. Das war eine andere Welt, und von Thüringen aus war sie ungefähr so erreichbar wie der Mond.

    Mein Vater leitete das Büro für Neuererwesen im Hochbaukombinat Nordhausen, meine Mutter war stomatologische Schwester. Kein Künstlerhaushalt, aber auch keiner, in dem nicht gelacht wurde. Von meiner Mutter stammt der Satz, den ich bis heute sage:

    „Lache, wenn zum Heulen nicht reicht.“

    In der Schule war Deutsch mein Lieblingsfach. Die Grammatik allerdings nicht — wozu man die braucht, habe ich nie wirklich verstanden. Man redet, wie einem der Schnabel gewachsen ist. Gelernt habe ich durch Zuhören und Nachmachen, und dabei ist es geblieben.

    Die Bühne kam zuerst über den Theaterjugendclub, mit Statistenrollen. Das politisch- satirische Jugendkabarett „Die Nordhäuser Doppelkörner“ und verschiedene Amateurtheater Projekte. Nebenrollen und auch mal die Hauptrolle in der Märchenkomödie „Der Zwerg von Marrakesch“. Später kamen Gegenwartsstücke dazu.

    Dort habe ich gelernt, was mir in der Bütt am meisten genützt hat: dass ein Text auf der Bühne etwas anderes ist als auf dem Papier. Wie man eine Figur anlegt und über mehr eine Stunde durchhält. Was Dramaturgie ist, wie man in einem Ensemble arbeitet, wie man mit der Sprache spielen kann. Wie man merkt, ob ein Saal mitgeht — und was man tut, wenn er es nicht tut.

    Und dann kam , ohne mein Zutun, der Karneval.

    Die erste Bütt

    Angst hatte ich keine. Ich hatte etwas anderes nicht: einen Text.

    Der Präsident gab mir dann einen. „Die Krone der Schöpfung“ hieß die Rede, und ihre Aussage war: Die Krone der Schöpfung ist der Mann. Ein fremder Text, für jemand anderen geschrieben.

    Ich wollte diesen Mann nicht spielen, ich wollte ihn karikieren. Also habe ich die Stimme hoch angesetzt und die Sache von innen ausgehöhlt. Am Ende jeder Strophe kam derselbe Refrain:

    Die Krone der Schöpfung ist der Mann.

    Der Saal lachte an genau den Stellen, an denen er eigentlich hätte nicken sollen.

    Es kam gut an, und das lag nicht an meinem Mut. Es lag an den Jahren davor. Bühne war mir vertraut — nur die Bütt war neu.

    Vierzig Jahre

    So lange bin ich jetzt in diesem Verein.

    Meine Reden habe ich bald selbst geschrieben, aber nicht aus eigener Kraft. Da war ein junger Schriftsteller, heute Radiomoderator beim MDR, dem habe ich alles vorgelegt. Ich schrieb, er korrigierte, strich, verbesserte — und trat mich, wenn ich nachlässig wurde. So habe ich es gelernt.

    Mein Metier wurde die politische Bütt. Zu DDR-Zeiten hieß das: alles zwischen den Zeilen. Man konnte im Grunde alles sagen, es musste nur verpackt sein, und ob es dann anstoßig war, hing vom Standpunkt des Zuhörers ab. Das Publikum war darin geübt. Die Leute wussten genau, was gemeint war, obwohl es nie jemand ausgesprochen hatte. Im Westen war Dieter Hildebrandt ein Meister dieser Form.

    Das hat mir mehr Freude gemacht als manches danach.

    Heute ist diese Art zu reden kaum noch möglich. Alles soll schnell auf den Punkt, und darum haben Reden unterhalb der Gürtellinie mitunter mehr Erfolg. Ich finde das schade.

    Früher hatte man Publikum für den Redner. Heute muss man einen Redner für sein Publikum haben.

    Das Lampenfieber ist geblieben

    Vor einem Auftritt war ich nicht ansprechbar. Ich stand öfter auf der Toilette als in der Umkleide, und die Inspizientin unseres Vereines hat mich mehr als einmal fluchend suchen müssen.

    Mit den Jahren habe ich gelernt, damit umzugehen — Atemtechnik, und mich abschotten, bevor es losgeht. Verschwunden ist es nie. Ich halte das inzwischen auch nicht mehr für einen Mangel.

    In einem Punkt bin ich allerdings unerbittlich: Niemals betrunken auf die Bühne. Wer getrunken hat, geht besser nach Hause. Das ist kein guter Rat, das ist die Bedingung.

    Warum ich das erzähle

    Weil mich damals jemand weitergegeben hat, ohne zu fragen. Weil mir einer einen fertigen Text in die Hand gedrückt hat, an dem ich mich abarbeiten konnte. Weil danach jemand da war, der meine Entwürfe gelesen und mir gesagt hat, was daran nicht taugt.

    Ich hatte Glück mit den Leuten um mich herum.

    Seit Jahren beobachte ich, dass anderen genau das fehlt. In den Vereinen fehlt der Nachwuchs im Bereich Wort. Nicht, weil niemand wollte — sondern weil die meisten sagen: „Ich traue mir das nicht zu.“ “ Ich habe kein Talent.“ „Ich weiß nicht, wie man das anfängt.„

    Beim Tanz wird viel getan. Da wird über Monate gemeinsam geprobt, öffentlich, regelmäßig. Wir Büttenredner sitzen allein in unserem stillen Kämmerchen. Und wer allein sitzt, hört irgendwann vielleicht auf.

    Dafür gibt es jetzt die HumorWerkstatt: Schablonen, Anleitungen an der man sich entlangarbeiten kann. Ein Ort zum Nachschlagen. Und Menschen, die dasselbe Hobby haben.


    Vierzehn Tage kannst du dich kostenlos umsehen.

    Keine Schule. Eine Werkstatt.

    Und falls du selbst noch nach einer ersten Bühne suchst: Wie komme ich überhaupt auf eine Bühne? — wo die Vereine zu finden sind, wen man anspricht und wann man fragt.

  • Warum die meisten Büttenreden in der Mitte einschlafen

    Warum die meisten Büttenreden in der Mitte einschlafen

    Der Saal war voll, die Rede war ordentlich geschrieben, und nach zwei Minuten hat trotzdem keiner mehr gelacht. Wenn du das kennst: Du bist nicht allein. Mir ist es öfter passiert, als mir lieb ist.

    Das Loch sitzt fast immer an derselben Stelle

    Wenn eine Rede nicht trägt, liegt es selten am Anfang. Der ist meistens gut — an dem hat man am längsten gefeilt. Und es liegt selten am Schluss, denn die Pointe stand schon fest, bevor die erste Zeile geschrieben war.

    Es liegt an dem, was dazwischen passiert. Genauer gesagt: an dem, was dazwischen nicht passiert.

    Der Anfang zündet, die Leute lachen, du hast sie. Und dann kommt der Teil, in dem erklärt wird: wer du bist, worum es heute geht, warum du überhaupt hier oben stehst. Zwei Minuten Erklärung ohne einen einzigen Lacher. In diesen zwei Minuten dreht sich in der dritten Reihe jemand zu seinem Nachbarn um. Und ab da ist er weg.

    Ein Publikum, das einmal abgebogen ist, holt der beste Schluss nicht mehr zurück.

    Wie das bei mir war

    SCHABLONE — diesen Kasten später löschen. Hier gehört deine eigene Geschichte hin: ein Abend, an dem genau das passiert ist. Welcher Saal, welches Jahr, an welcher Stelle es kippte, was du danach gedacht hast. Zwei, drei Sätze reichen. Eigene Erlebnisse sind der Grund, warum Leute weiterlesen — sie stehen in keinem Buch.

    Was du dagegen tun kannst

    • Streich die Vorstellung. Wer du bist, hat der Ansager schon gesagt. Und wenn nicht, ist es dem Saal in diesem Moment herzlich egal.
    • Setz alle vierzig Sekunden etwas, worüber man lachen kann. Es muss kein Brüller sein. Ein Schmunzler hält die Leute genauso bei der Stange.
    • Lies laut und leg bei jedem Lacher einen Finger auf den Tisch. Liegt zwischen zwei Fingern mehr als eine halbe Seite, hast du ein Loch gefunden.

    Der dritte Punkt ist der unbequemste und der wirksamste. Auf dem Papier merkt man ein Loch nicht. Im Mund merkt man es sofort.


    In der HumorWerkstatt liegt dafür die Bütt-Schablone bereit: ein Bogen, auf dem du deine Rede einträgst und sofort siehst, wo die Löcher sind. Vierzehn Tage kannst du dich kostenlos umsehen.

    Keine Schule. Eine Werkstatt.